Kleine und Fragmentarische Historiker der Spätantike (KFHist)

neueste Publikation: Kötter / Scardino (Hgg.), Gallische Chroniken (= KFHist G 7/8), Paderborn 2017.

Ein Großteil der Quellen, die wir über die Geschichte der Spätantike besitzen, ist verloren und kann allenfalls in Ausschnitten wiedergewonnen werden aus Erwähnungen bei nachfolgenden Autoren, die mitunter ein halbes Jahrtausend später gelebt haben.

Dabei ist die Spätantike für die politische und kulturelle Entwicklung Europas von kaum zu überschätzender Bedeutung. In dieser Epoche beobachten wir die Teilung des Römischen Reiches in einen Ost- und einen Westteil, die in Gestalt des Byzantinischen Reiches und der verschiedenen Nachfolgereiche im Westen das Mittelalter bestimmt haben. Das Christentum steigt im 4. Jh. von einer verfolgten zur Staatsreligion auf, überdies vollzieht es den Prozess, sich das pagane Gedankengut anzuverwandeln, so dass die Voraussetzung gegeben war, dass auch die Werke z.B. Homers, Platons, Ciceros und Vergils in den mittelalterlichen Klöstern weiterhin abgeschrieben und somit der Nachwelt überliefert wurden.

Diese Zeit ist aber vor allem mit den hochdramatischen Ereignissen verbunden, die man auch in einem breiteren Geschichtsbewusstsein mit den Stichwörtern "Völkerwanderung" oder "Ende des römischen Reiches" verbindet. Was man in diesem Zusammenhang beispielsweise über Attila den Hunnen weiß, verdankt man in der Hauptsache dem verlorengegangenen Werk des Historikers Priskos. Seine nur noch durch byzantinische Exzerpte erhaltene Geschichte enthielt beispielsweise eine ausführliche Darstellung einer Reise einer oströmischen Gesandtschaft an den Hof des Hunnenherrschers, die in einem Gastmahl beim gefürchteten Hunnen selbst ihren Höhepunkt fand: "Den übrigen Barbaren und uns wurden auf Silbertellern erlesene Speisen vorgesetzt. Attila jedoch erhielt nur einen Holzteller mit Fleisch. Er zeigte sich auch sonst überaus maßvoll; seine Gäste erhielten nämlich goldene und silberne Becher vorgesetzt, er aber trank aus einem hölzernen. Schlicht war auch sein Gewand, das nur durch fleckenlose Reinheit hervorstach. Weder sein Schwert, das er am Gürtel trug, noch die Bänder an den Sandalen, die er nach Barbarensitte anhatte, noch auch das Geschirr seines Rosses waren wie bei den übrigen Skythen (d.h. Hunnen und Ostgermanen) mit Gold, Edelsteinen oder anderem Zierrat geschmückt." (Übersetzung von E. Doblhofer, Byzantinische Diplomaten und östliche Barbaren, 2. Auflage, Graz-Wien-Köln 1955, 54.)

Für die spätantike Geschichtsschreibung fehlt eine Sammlung in der Dimension der von Felix Jacoby herausgegebenen Fragmente der griechischen Historiker (FGrHist), so dass man auf sehr lückenhafte und unzureichende ältere Zusammenstellungen angewiesen ist.

Das Forschungsprojekt der Kleinen und fragmentarischen Historiker der Spätantike umfasst knapp 90 Autoren bzw. anonyme Werke vom 3. bis zum 6. Jh. Dazu gehören lateinische und griechische Autoren, Profan- und Kirchenhistoriker, fragmentarisch erhaltene und "kleine" Autoren, d.h. solche, die nur selten als selbständige Werke ediert und in Fragmentsammlungen wiederum nicht erfasst werden (z.B. Polemius Silvius, die sogenannten Ravennater Annalen oder die Chronik des Prosper von Aquitanien), namentlich bekannte Historiker und sicher rekonstruierbare, aber anonyme Geschichtswerke (z.B. die Enmannsche Kaisergeschichte).

Die erwähnten Ravennater Annalen liefern uns knappe Nachrichten über die Geschichte des Westreichs im 4.-6. Jh., darunter die, dass nach der gescheiterten Usurpation des Iovinus und Sebastianus in Gallien ihre abgeschlagenen Häupter am 30.8.412 nach Ravenna gesandt und ihr Bruder Sallustius getötet wurde. In der Merseburger Dombibliothek hat sich eine Kostbarkeit erhalten, ein Blatt aus dem 11. Jh., das auf das 6. Jh. zurückgehende Illustrationen einiger Ereignisse des 5. Jh. bietet: Hier sehen wir auch die drei aufgepfählten Köpfe (vgl. B. Bischoff / W. Koehler, Eine illustrierte Ausgabe der spätantiken Ravennater Annalen, in: Medieval Studies in Memory of A. Kingsley Porter, Cambridge [Mass.] 1939, I 125-138, bes. 127. 131).

Die Autoren und Werke werden nicht allein im Originaltext ediert, versehen mit einem über die wichtigsten Lesarten und Konjekturen unterrichtenden kritischen Apparat, sondern sie werden auch mit einer deutschen Übersetzung und einem sprachlich-philologischen sowie historischen Kommentar ausgestattet. In diese verschiedenen Aufgaben teilen sich die Mitwirkenden beider an dem Vorhaben beteiligten Disziplinen, der Alten Geschichte und der Klassischen Philologie.

Das Projekt ist auf eine Laufzeit von 15 Jahren angelegt und wird von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste sowie der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften im Rahmen des Akademienprogramms mit insgesamt 3.000.000 € gefördert.

Arbeitsstellenleiter sind Univ.-Prof. Dr. Bruno Bleckmann, Institut für Geschichtswissenschaften, und Univ.-Prof. Dr. Markus Stein, Institut für Klassische Philologie.

 

erschienene Bände

  • KFHist A 1-4, 6-8: Asinius Quadratus | Nikostratos von Trapezunt | Philostratos von Athen | Ephoros von Kyme d.J. | Eusebios | Eusebius von Nantes | Onasimos/Onesimus
    B. Bleckmann / J. Groß (Hgg.), Historiker der Reichskrise des 3. Jahrhunderts. Bd. 1, Paderborn 2016 (ISBN 978-3-506-78490-2).
  • KFHist B 5-7: Origo gentis Romanorum – Polemius Silvius – Narratio de imperatoribus
    ediert, übersetzt und kommentiert von B. Bleckmann, J.-M. Kötter, M. A. Nickbakht, I.-Y. Song und M. Stein, Paderborn 2017 (ISBN: 978-3-506-78791-0).
  • KFHist E 7: Philostorgios
    B. Bleckmann / M. Stein (Hgg.), Philostorgios, Kirchengeschichte. Bd. 1: Einleitung, Text und Übersetzung; Bd. 2: Kommentar, Paderborn 2015 (ISBN 978-3-506-78199-4).
  • KFHist G 1-4: Consularia Constantinopolitana | Fastenquelle des Sokrates | Berliner Chronik | Alexandrinische Weltchronik
    M. Becker / B. Bleckmann / J. Groß / M. A. Nickbakht (Hgg.), Consularia Constantinopolitana und verwandte Quellen, Paderborn 2016 (ISBN 978-3-506-78210-6).
  • KFHist G 5/6: Prosper Tiro, Chronik | Laterculus regum Vandalorum et Alanorum
    M. Becker / J.-M. Kötter (Hgg.), Prosper Tiro, Chronik - Laterculus regum Vandalorum et Alanorum, Paderborn 2016 (ISBN 978-3-506-78211-3).
  • KFHist G 7/8: Gallische Chronik von 452 | Gallische Chronik von 511
    J.-M. Kötter / C. Scardino (Hgg.), Gallische Chroniken, Paderborn 2016 (ISBN 978-3-506-78489-6).

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