Dr. Johannes Wienand

Die Politisierung des Todes.
Der Epitaphios Logos im demokratischen Athen

Über alle Epochen und Kulturen hinweg stellt der soldatische Tod eines Bürgers für die Gemeinschaft ein erschütterndes Ereignis dar. Wirksam einhegen lässt sich das Konfliktpotenzial, das den gesellschaftlichen Folgekosten eines (teils massenhaften) unnatürlichen Sterbens im Krieg innewohnt, meist nur durch aufwendige Semantisierungen. Für den kulturellen Horizont der antiken Geschichte lässt sich dieser Problemkomplex besonders eindrücklich im klassischen Athen beobachten: Das attische Gefallenenbegräbnis des fünften und vierten vorchristlichen Jahrhunderts offenbart, mit welchen Ideologemen in einer von wechselhaftem militärischem Geschick geprägten Phase innergriechischer Konflikte operiert wurde, um im Angesicht der gefallenen Bürger die spezifisch athenische Liaison von demokratischer Verfassung und hegemonialem Führungsanspruch zu legitimieren. Das Corpus erhaltener epitaphioi logoi (‚Grabreden‘) diente der Forschung stets als wichtigstes Zeugnis für die Rekonstruktion der Ideologie einer Einheit von Macht und Demokratie in Athen. Die Untersuchung stellt den etablierten Zugang zu dieser Textgruppe radikal in Frage: Wie in einem ersten Schritt gezeigt wird, lassen sich die Epitaphien nur bedingt als verlässliche Reflexe der tatsächlich im Rahmen des attischen Gefallenenbegräbnisses gehaltenen Reden verstehen, sie stellen vielmehr literarisch überformte intellektuelle Auseinandersetzungen mit den eigentlichen Reden dar: Auf teils diffizile, aber teils auch polemische bis satirische Weise heben sich die Texte von den tatsächlich gehaltenen Grabreden und den dort virulenten Deutungsmustern ab und erzeugen so brisante Spannungsfelder der Kritik, die als solche bislang kaum erfasst und historisch eingeordnet wurden. Eine umfassende Neubewertung der Gattung führt ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung griechischer Intellektueller mit der prekären Machtpolitik Athens und ihren innenpolitischen Folgekosten. Drei Phasen kristallisieren sich heraus, die sich um den Kollaps des athenischen Imperialismus im Peloponnesischen Krieg (431–404 v. Chr.) (Teil eins), um die Konflikte der 390er und 380er Jahre innerhalb der griechischen Poliswelt (Teil zwei) und um den Verlust der Unabhängigkeit gegenüber dem aufstrebenden Makedonenreich in den 330er und 320er Jahren (Teil drei) formieren. Als Kernproblematik über alle drei Phasen hinweg erweist sich die desintegrative Dynamik des innergriechischen ‚Bruderkrieges‘. Die Arbeit versteht sich somit auch als Beitrag zur jüngst neu aufflammenden Debatte über die vormoderne stasis

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Verantwortlich für den Inhalt: E-Mail sendenProf. Dr. Bruno Bleckmann