Ausstellungs- und Forschungsprojekt „Mittelalterliche Goldschmiedekunst in Westfalen“

Reliquienstatuette der heiligen Margaretha, um 1500, St. Margareta, Asbeck (Foto: LWL)

Ausgangspunkt des Projekts ist das vom LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, dem Bistum Münster und dem Exzellenzcluster der WWU geplante Forschungs- und Ausstellungsprojekt zur spätmittelalterlichen Goldschmiedekunst in Westfalen. Der methodische Zugang und die Kontextualisierung der mittelalterlichen Goldschmiedekunst stecken jedoch noch in den ‚Kinderschuhen’. Das Potential, das ein interdisziplinärer Zugriff insbesondere dieser Gattung der materiellen Kunst und Kultur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit entwickeln kann, ist weder von kunsthistorischer noch von historischer Seite auch nur in Ansätzen ausgeschöpft worden. Weil eine historische Einbindung vieler Goldschmiedearbeiten fehlt, bleibt ihre politische und soziale Bedeutung, der Symbolgehalt und die einst damit verbundene Inszenierung der überwiegend sakralen Objekte, für die die Zeitgenossen nur das kostbarste zur Verfügung stehende Material verwendet sehen wollten, bislang undeutlich. Will man die politische, religiöse, ökonomische und soziale Dimension der mittelalterlichen Goldschmiedekunst erfassen, muss sie mit vergleichendem Blick in ihren historischen Funktions- und Bedeutungszusammenhang gestellt werden. Einen angemessenen methodisch innovativen Zugriff anhand konkreter Exponate zu entwickeln, die für die Ausstellung von Bedeutung sind, soll die Aufgaben der Projektstellenmitarbeiter sein. Sie sollen ausgewählte Objekte interdisziplinär in aktuelle Themenbereiche der Forschung einordnen und vor allem hilfswissenschaftliche Kompetenzen nutzen, um ungedrucktes Quellenmaterial für die Fragestellung fruchtbar zu machen. Erst eine Würdigung der Goldschmiedekunst in ihrem historischen Zusammenhang, der die materielle und symbolische Bedeutung für Stifter und Empfänger erkennen lässt, vermag diese glanzvollen, aber weitgehend ‚stummen’ Zeugen zum Sprechen zu bringen. Ein solcher innovativer methodischer Zugang wird nicht nur in erwünschter Weise Museum und Forschung als ein aktuelles Desiderat enger miteinander und dadurch Synergieeffekte fördern, sondern vermag vor allem auch entscheidende neue Impulse für die Präsentation der Objekte in der Ausstellung zu liefern.

Drei thematische Bereiche erscheinen für eine Untersuchung mit interdisziplinärem und vergleichendem Zugriff als besonders lohnend:

1.) Religiöser und weltlicher Funktionszusammenhang

Von entscheidender Bedeutung ist die Rekonstruktion des ehemaligen Gebrauchs- bzw. Sinnzusammenhangs bspw. im Rahmen einer Messe, Reliquienweisung oder Prozession, ferner in der Funktion als Geschenk (so beim adventus eines Fürsten oder als Teil einer Bitte), als Stiftung für das Seelenheil, als Sühnestiftung, als ‚Bezahlung’ für Dienste, als Akt der Verehrung oder im Rahmen einer Nachlassordnung etc. Hier ist vor allem die liturgische und rituelle Inszenierung von Interesse, wodurch das Objekt als Teil einer umfassenden, auf mehreren Ebenen vollzogenen Kommunikation erkannt wird, dem aufgrund seiner ‚unvergänglichen Kostbarkeit’ eine besonders nachdrückliche, selbst vergewissernde und identitätsstiftende Bedeutung zukam. 

2.) Die Bedeutung von Schatz, Geschenk und Stifter

Lohnend erscheint auch ein Vergleich von Schätzen (bzw. Schatzkammern) in geistlicher und in weltlicher Hand, so hinsichtlich ihrer Zusammensetzung (Juwelen, Kleinodien, Reliquien, allerlei Kuriositäten und wertvolle Bücher), ihrer konkreten Aufbewahrung an ‚heiligen’ Orten, oftmals in der Sakristei (als Beispiel eines fürstlichen Schatzes sei hier der Schatz Herzog Albrechts III., † 1393, genannt, der sich in der Sakristei der Burgkapelle der Wiener Herzogsburg befand), ihrer Inszenierung bei Reliquienweisungen, ihrer Zugangs-beschränkungen und Zugangsbedingungen, sowie der Funktion des Schatzes als sakrale, legitimierende, symbolische und ökonomische Rückversicherung. Welche Rolle spielte der Schatz für die Traditionsbildung und Identitätsstiftung einer geistlichen Institution, fürstlichen Familie oder im Falle des Königs, eines Amtsträgers? Wie wurde der Verkauf (oder Raub) im Kriegsfall thematisiert oder auch von den politischen Gegnern instrumentalisiert? Der Schatz war zudem Teil und Signum der Zentralfunktion geistlicher Sitze und weltlicher Fürstenhöfe und nicht zuletzt Anlass zur Förderung der Künste am Fürstenhof (so gründete der oben erwähnte Hz. Albrecht III. eine eigene Hofminiatorenwerkstätte). 

3.) Goldschmiede, Werkstätten, Künstlerpersönlichkeiten

Ein dritter methodischer Zugang müsste den materiellen Wert und die symbolische Bedeutung des Materials – Gold und Edelsteine als Werkstoff – diskutieren, wofür es bereits gute Vorarbeiten gibt. Ferner ist der Goldschmied von Interesse: seine Ausbildung und die Tradierung manueller  Fertigkeiten, die Künstleridentität und soziale Einordnung in die mittelalterliche Gesellschaft sowie Künstlerzeichen als Ausdruck der Selbstwahrnehmung. Zu berücksichtigen sind auch die verschiedenen Aussageebenen der Objekte: Inschriften, äußere Form, die Darstellung von Figuren und deren Kleidung. Bezüglich letzterem wäre u.a. interessant, ob wirklich zeitgenössische Kleidung zur Anschauung gebracht wurde oder – wie vielfach zu beobachten – ein Rückgriff auf vergangene „Mode“ erkennbar ist; sowie Fragen nach der symbolischen und sozialen Aussagekraft von Kleidung, Waffen, Wappen und sonstigem Zubehör. 

Die 2. Interdisziplinäre Sommerakademie (Sommer 2009) an der WWU Münster widmete sich der Thematik der hoch- und spätmittelalterlichen Goldschmiedekunst widmen, um am Quellenmaterial gemeinsam mit fortgeschrittenen Studierenden, den verschiedenen Fachvertretern und Museumsfachleuten methodische Zugänge und Erkenntnisinteressen zu diskutieren.

undefinedLink zum Projekt.

Exzellenzclusterprojekt Goldschmiedekunst in Westfalen
Verantwortlich für den Inhalt: E-Mail sendenProf. Dr. Eva Schlotheuber