Kolonialfotografien aus Togo - transkulturelle Annäherungen

Welche Bilder von Togo haben Studierende in Deutschland, welche Bilder von Deutschland Studierende in Togo? Wie sind diese Bilder durch eine geteilte Geschichte geformt? Von 1884-1914 war Togo deutsche Kolonie, galt gar als deutsche "Musterkolonie". Inwieweit prägen die Bilder aus der Kolonialzeit die heutige visuelle Kultur in Deutschland und Togo – und welchen Unterschied macht es, sich Bilder aus der kolonialen Vergangenheit aus einer deutschen oder togoischen Perspektive anzuschauen. Gibt es hier überhaupt zwei verschiedene Perspektiven, oder noch viel mehr?

Diesen Fragen gingen insgesamt zehn Studierende der Germanistik der Universität Lomé und dreizehn Studierende der Geschichtswissenschaften der Universität Düsseldorf nach. Betreut wurde das Projekt von Dr. Kokou Azamede, Département d'Etudes Germaniques, Université de Lomé (Togo) sowie Prof. Dr. Stefanie Michels und Niels Hollmeier, Abteilung "Europäische Expansion" des Instituts für Geschichtswissenschaften der HHU Düsseldorf. Gemeinsam arbeiteten sie dabei im virtuellen Raum und tauschten sich via Facebook und mehreren Videokonferenzen aus. Um sich zu Beginn des Projektes besser kennen zu lernen, wurden gegenseitige Fragenkataloge entwickelt und an die jeweils andere Gruppe verschickt. Zudem stellte sich jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer kurz in einem Video vor und äußerte die eigene Erwartung an das Projektseminar. 

Erarbeitung theoretischer, methodischer und historischer Grundlagen

Vor der eigentlichen Analyse von Kolonialfotografien verschafften sich die Teilnehmer einen Überblick über den (deutschen) Kolonialismus. Dazu suchten sie Quellen sowie Sekundärliteratur aus der Universitätsbibliothek heraus, werteten diese kritisch aus und stellten die Ergebnisse ihren Kommilitonen vor. Besondere Berücksichtigung bei der Einarbeitung in die Thematik fand Trutz von Trothas Aufsatz „Was war Kolonialismus?“(Trotha 1994). Anhand von Leitfragen erschlossen die Teilnehmer den Text und übertrugen die Aussagen zum Themenbereich „Kolonialismus" auf Fotografien. Neben einer Auseinandersetzung mit Kolonialismus ist die Beschäftigung mit Theorien der Fotografie und Konzepten von Transkulturalität wichtig, um eine Analyse von Kolonialfotografien zu versuchen. Die Studierenden nahmen daher Einblick in ausgewählte Literatur zur Bildanalyse sowie den postcolonial studies und erstellten ein Glossar zu Schlüsselbegriffen, wie „Eurozentrismus“, „Ikonische Wende“, „Materialität“, „Visual History“ oder die „Standortgebundenheit des Betrachters“. 

Analyse ausgewählter Kolonialfotografien 

Alle Fotografien stammen aus dem online verfügbaren Bildbestand der Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG). Die DKG war der wichtigste Interessenverband der Kolonialbefürworter in Deutschland mit einer Mitgliederzahl von 42.000. Sie gab eine Zeitschrift heraus, die deutsche Kolonialzeitschrift, veranstaltete Kongresse und Vorträge. Lichtbildvorträge waren dabei eines der wichtigsten Formate. Die DKG baute sich einen Bestand von über 55.000 Lichtbildern auf und fungierte auch als eine Bildagentur. Diese Lichtbilder waren abfotografierte Fotografien. Der Bestand der DKG besteht also aus Glasplatten, den Motiven liegen Papierfotografien zugrunde. Anfang der 1990er Jahre wurde dieser Bildbestand digital gesichert und über eine Datenbank online verfügbar gemacht (undefinedwww.ub.bildarchiv-dkg.uni-frankfurt.de). Die beigegebenen Texte und Bildunterschriften stammen aus der Zeit zwischen 1886 und 1936. Der togoische Kulturwissenschaftler Kokou Azamede befasst sich in seinem aktuellen Forschungsprojekt mit dem Bildbestand der Datenbank und nimmt hier eine „Dekonstruktion des imperialen Auges“vor (undefinedwww.kolonialfotografie.com). In dem Projekt richtet er den Fokus auf die historische Realität aller auf den Fotografien abgebildeten Personen, Tiere, Objekte und Landschaften. Innovativ an dem Ansatz ist, dass die afrikanischen Akteure und ihre Lebenswelt im Fokus stehen und nicht die „imperial eyes“ (Pratt 1992), der Europäer. Dafür hat Azamede eine Methode vorgeschlagen, die in dem Projektseminar angewandt wurde.

Die Bilder

Fünf Fotografien waren aus dem Bestand der DKG von Kokou Azamede ausgewählt worden. 
Während einer gemeinsamen Videositzung suchten die Studierenden aus Düsseldorf und 
Lomé die Fotografien aus, die sie bearbeiten wollten. Anschließend bildeten sie gemischte 
Gruppen: Je zwei Studierende aus Lomé sowie zwei bzw. drei Studierende aus Düsseldorf 
bildeten eine Arbeitsgemeinschaft und widmeten sich einer von fünf vorgeschlagenen 
Kolonialfotografien. 

 

Das Uni-Magazin berichtet

Im Laufe des Projektseminars wurde zudem das Uni-Magazin der HHU Düsseldorf, welches vierteljährlich erscheint und über aktuelle Geschehnisse sowie Projekte der Universität berichtet, auf das außergewöhnliche Projekt aufmerksam. Der Artikel findet sich in Heft 2 (2015), S. 28-29 bzw. ist undefinedhier online abrufbar.

Die Ausstellung

Über Facebookgruppen und –chats erarbeiteten die Studierenden nun ihre Kommentare zu dem von ihnen bearbeiteten Foto. Anschließend überführte jede Gruppe ihre Arbeitsergebnisse in eine gemeinsame Präsentationsform, wobei auf dem jeweiligen Plakat neben einer generellen Beschreibung auch Detailaufnahmen des Bildes verwendet wurden. Dadurch konnten einzelne Aspekte für den Besucher deutlicher hervorgehoben werden. Zudem ließen sich drei der fünf Fotografien örtlich identifizieren. So entstanden die Fotos von Gruppe 2 "Saatmais-Auslese" in Sebe, von Gruppe 3 "Tanz auf Station" in Atakpamé und von Gruppe 4 "Schulkinder" in Akpafu (im heutigen Ghana). 

Am 16. Juli fand ab 18 Uhr dann die Ausstellung im Haus der Universität statt. Überraschend groß war der Andrang der Besucher an diesem Tage, die sich sichtlich interessiert den Plakaten widmeten. Eine kurze Hinführung zum Thema und dem Projektseminar gaben Prof. Dr. Stefanie Michels und Niels Hollmeier. Am Ende der gelungenen Ausstellung würdigten zudem die Historikerinnen Tatjana Poletajew und Caroline Authaler die Arbeiten der Studierenden kritisch.  

v.l.n.r.: Cécile Labalette, Hanna Stucki, Steffen Hille, Merle Weidtmann, Prof. Dr. Stefanie Michels, Kevin Reidegeld, Sofia Chaitas, Lea Eitel, Florian Knorr, Andreas Göttmann, Kevin Samusch, Hanna Odenbach, Rene Respondek, Niels Hollmeier und Alexander Smolianitski.


Die vom 26. Februar bis 4. März 2016 durchgeführte Studienreise in die westafrikanische Republik ermöglichte vielen deutschen Teilnehmenden, ihre togoischen Kommilitonen, mit denen sie mehrere Monate intensiv zusammen gearbeitet hatten, auch persönlich kennen zu lernen. Gemeinsam richteten sie in der Universität Lomé einen Workshop aus, präsentierten einem interessierten Publikum ihre Ergebnisse und diskutierten über weitere Forschungsansätze. Neben zahlreichen Studierenden und Dozierenden der Universität Lomé nahmen auch externe Interessierte an der Veranstaltung teil, so u.a. das Goethe Institut Lomé sowie der deutsche Botschafter Christoph Sander. 

Nach Abschluss des Workshops erfolgte zusammen mit den togoischen Studierenden eine Rundreise durch das südliche Togo. Von Lomé aus reisten die Teilnehmenden nach Kpalimé, Atakpamé und Kamina (hier u.a. Besichtigung der ehemaligen Großfunkstation des Kaiserreiches), bevor es von Anecho an der Küste entlang zum Ausgangsort zurückging. Die Erlebnisse und Eindrücke der Studienreise habe die Studierenden schriftlich festgehalten und können undefinedhier nachgelesen werden.



Exkursion nach Togo (26. Februar - 4. März 2016)

Am Ende des Wintersemesters 15/16 unternahmen insgesamt 14 Studierende und 3 Dozierende der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf eine Exkursion nach Togo. Die Studienreise stellt den erfolgreichen Abschluss der transkulturellen, interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen der Universität Lomé und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf dar. Bereits im Sommersemester 2015 werteten deutsche Geschichts- und togoische Germanistikstudierende im Projektseminar "Kolonialfotografien aus Togo" (Leitung Prof. Dr. Stefanie Michels, Dr. Kokou Azamede, unterstützt von Niels Hollmeier) globale Fotografien aus. Im virtuellen Raum beschäftigten sie sich mit der gemeinsamen Vergangenheit der beiden Länder, analysierten via Videokonferenzen, Chats und Foren die jeweiligen kolonialen Bilder und nahmen eine geografische Verortung sowie abschließende wissenschaftliche Bewertung dieser vor. Die Ergebnisse des Seminars flossen wiederum in die darauffolgende Lehrveranstaltung des Wintersemesters mit ein: „Zwischen Text und Bild: transdisziplinäre Annäherungen an Kolonialfotografien aus Togo“ (Leitung Prof. Dr. Stefanie Michels, Prof. Dr. Alexander Ziem). Bei dem ebenfalls interdisziplinären Projekt lag der Fokus vermehrt auf der Bild – Textbeziehung. Aus historischer und diskurslinguistischer Perspektive analysierten die Teilnehmenden Bildunterschriften und legten dar, wie das Geschriebene das Abgebildete strukturiert.

Fotos Seher-Yeliz Top/Rene Respondek/Niels Hollmeier

 

Verantwortlich für den Inhalt: E-Mail sendenPriv.-Doz. Dr. Stefanie Michels