Wo die Berge erzählen - Von Tbilisi bis Yerevan: Einblicke in den Südkaukasus
Vom Seminarraum in den Südkaukasus
Eine Exkursion, gemeinsam organisiert von den Lehrstühlen für Transkulturalität und der Osteuropäischen Geschichte, brachte eine Gruppe Studierender sowie zwei Dozierende vom 1. bis zum 9. September 2025 nach Georgien und Armenien. Die beiden Länder liegen im Südkaukasus. Im Westen bietet das Schwarze Meer Georgien einen wichtigen maritimen Zugang, während im Norden die Grenze zu Russland eine seit Jahrhunderten wirksame politische und kulturelle Kontakt- und Konfliktzone darstellt. Im Osten grenzen Armenien und Georgien an Aserbaidschan, dessen Geschichte von anhaltenden Spannungen geprägt ist. Im Süden schließlich trifft die Region auf die Türkei. Armenien grenzt zusätzlich an den Iran, wodurch ein Raum entsteht, in dem unterschiedliche kulturelle und religiöse Traditionen aufeinandertreffen und sich überlagern. Zusammen bilden diese Länder den Südkaukasus. Die Einbettung zwischen Meer, Gebirge und Großmächten verleiht Georgien und Armenien eine strategische Stellung, die ihre historische Entwicklung maßgeblich beeinflusst hat. Der Südkaukasus ist seit Jahrhunderten geprägt von Austauschbeziehungen unterschiedlicher Kulturen, Religionen und politischen Mächten.
Durch das Seminar „Zwischen den Imperien. Geschichte des Südkaukasus“ im Sommersemester 2025 konnten die Studierenden bereits im Vorfeld einige historische und kulturelle Gegebenheiten in Erfahrung bringen. So konnten die vor Ort gewonnenen Eindrücke angemessen eingeordnet werden. Durch die direkte Beobachtung verschiedener Formen des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens entstand ein vielschichtiges Bild der Region, deren Gegenwart vor dem Hintergrund ihrer langen und komplexen Vergangenheit erst verständlich wird.
Die Anreise erfolgte per Direktflug von Düsseldorf nach Tbilisi, der Rückflug führte von Yerevan aus wieder nach Düsseldorf. Durch diese Reise wurde eine Annäherung an zwei Länder ermöglicht, die trotz geografischer Nähe je eigene historische Entwicklungen, religiöse Traditionen und gesellschaftliche Strukturen ausgebildet haben. Die Reise bot Gelegenheit, eine Region zu erkunden, die seit der Antike als Übergangszone zwischen Europa und Asien wahrgenommen wurde und deren kulturelle Vielfalt bis heute prägend ist. Das Seminar in Verbindung mit der Exkursion eröffnete die Möglichkeit, die komplexen historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Strukturen dieser Region nicht nur theoretisch zu erfassen, sondern in ihren gegenwärtigen Ausdrucksformen unmittelbar nachvollziehen zu können.
Georgien und Armenien weisen ausgeprägte historisch-religiöse Kontinuitäten auf, die sich bis in das alltägliche Leben hinein bemerkbar machen. In beiden Staaten besitzt Religion einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert; sie strukturiert über Feiertage Wochen, Monate und Jahre, beeinflusst politische Symbolik und prägt kollektive Selbstbilder. Dadurch wurde während der Exkursion immer wieder deutlich, wie religiöse Identität und nationales Selbstverständnis sowie Erinnerungskultur ineinandergreifen. Nicht allein religiöse Bezüge traten wiederholt hervor. Beide Länder sind auf unterschiedliche Weise von der sowjetischen Okkupation geprägt. Der Umgang mit diesem Erbe ist heute sehr unterschiedlich. Während die georgische Bevölkerung aus Protest gegen ihre Regierung es ablehnt russisch zu sprechen, ist die armenische Bevölkerung offener gegenüber der russischen Sprache. Dies kann auch auf die politische Stabilität im Land zurückgeführt werden. Neben diesen historischen und religiösen Ausdrucksformen traten alltägliche Lebenswelten anschaulich auf Märkten, Flohmärkten und in der Straßenkunst hervor. Dort wurde sichtbar, wie traditionelle Handwerksformen, lokale Produkte und regionale Besonderheiten mit modernen ästhetischen Ausdrucksweisen zusammentreffen.
Alle, die an der Exkursion teilgenommen haben, haben ihre persönlichen Eindrücke und Erlebnisse in einem Beitrag festgehalten. So entstand ein gemeinsamer Reisebericht, der die vielfältigen Erfahrungen, Begegnungen und unvergesslichen Momente unserer Reise in den Südkaukasus lebendig werden lässt.Wir wünschen viel Freude beim Eintauchen in die Erfahrungsberichte und beim Nacherleben dieser besonderen Reise.
Isabel Moraes Haas & Laura Hesse
Unser Reisebericht
Schlusswort
Im Verlauf der Exkursion entstand durch unsere gemeinsamen Eindrücke ein vielschichtiges Bild zweier Länder. Die Vorbereitung im Seminar schuf einen Rahmen, in dem wir historische, kulturelle und politische Aspekte bereits vorab reflektiert hatten, sodass viele Beobachtungen vor Ort besser eingeordnet werden konnten. Gleichzeitig führte die Reise uns als Gruppe zusammen. Zahlreiche geteilte Erlebnisse, Gespräche und Wahrnehmungen ließen eine Verbundenheit entstehen, die im Seminar allein nicht in dieser Form möglich gewesen wäre. Die besuchten Orte – seien es städtische Räume, Kulturerbestätten, Landschaften, alltägliche Lebenswelten oder politisch geprägte Umgebungen – machten uns deutlich, wie eng Vergangenheit und Gegenwart miteinander verflochten sind. Kulinarische Traditionen, religiöse Praktiken, architektonische Besonderheiten und künstlerische Ausdrucksformen zeigten uns, wie vielfältig Identität und Erinnerung in beiden Ländern gelebt werden. Gleichzeitig wurden politische Spannungen
sichtbar, insbesondere in Georgien, die Fragilität gesellschaftlicher Strukturen sowie die Bedeutung äußerer Einflussfaktoren verdeutlichten
Begegnungen mit Studierenden, Gespräche mit lokalen Akteurinnen und Akteuren sowie Einblicke in soziale Praktiken wie Esskultur, Musik und alltägliche Rituale machten erfahrbar, wie stark lokale und transnationale Bezüge ineinandergreifen.
Der Kaukasus als Tor zwischen Europa und Asien, als Kontaktzone, als Begegnungsort von Menschen, Kulturen und Identitäten. Es wurde deutlich, dass historische Kontinuitäten, religiöse Traditionen, politische Konflikte und künstlerische Ausdrucksformen nicht getrennt voneinander stehen, sondern gemeinsam die Lebenswirklichkeit der Menschen prägen. Rückblickend auf unsere Erfahrungen und Eindrücke entwickelte sich ein aphoristisches Verständnis einer Region, deren Komplexität nur durch die unmittelbare Erfahrung vor Ort erfasst werden konnte. Wir wurden uns bewusst, dass viele der gewonnenen Einsichten ohne die gemeinsame Reise, ohne Gespräche und ohne das Zusammenspiel unserer unterschiedlichen Perspektiven in dieser Form nicht möglich gewesen wären. Zugleich verband uns die Dankbarkeit, Teil dieses Prozesses gewesen zu sein und die Gelegenheit gehabt zu haben, Armenien und Georgien gemeinsam zu erkunden. Der gemeinsame Reisebericht bewahrt diese Erfahrungen und macht sichtbar, wie sehr unsere Eindrücke aus dem kollektiven Erleben hervorgegangen sind.
Grusswort von Yelena Etaryan
Am 27.09.2025 durften die Studierenden der Germanistik der Staatlichen W.-Brjussow-Universität Jerewan unter der Leitung ihrer Professorin und Institutsleiterin Prof. Dr. Yelena Etaryan für einige Stunden eine Gruppe aus Deutschland in Jerewan begleiten. Die Gruppe setzte sich aus Studierenden, Doktoranden und Dozierenden der Institute für Osteuropa und Transkulturalität der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zusammen. Es war eine besondere Freude für die Gastgeber, denn die meisten Studierenden haben im Rahmen des Programms Erasmus+ an der HHU studiert. Auf diese Weise war man selbst an der Reihe, eine Gastfreundschaft gegenüber den deutschen Gästen zu erweisen, die man am Anfang noch nicht kannte.
Es kam der armenischen Gruppe darauf an, Armenien von der hellen und guten Seite zu präsentieren – als ein in jeglicher Hinsicht sonniges, heiteres, gastfreundliches, pulsierendes, offenes Land mit einer reichen Tradition, Kultur und Geschichte. Man kam sich durch ein gemeinsames Picknicken, gesellige Gespräche, Erzählen, Besuch von Handschriftenmuseum und Schlendern durch die Stadt so nahe, dass man am Ende sich eigentlich ungern voneinander verabschiedete.
Man ist froh, dass aus einem universitären Seminar zu Geschichte und Transkulturalität, bei dem man sich theoretisch mit Armenien und Georgien beschäftigte, eine reelle Begegnung von Kulturen entstanden ist, die sich in eine erlebte Landeskunde mit bleibenden Momenten mündete.
Wir bedanken uns für diese erlebte interkulturelle Kommunikation und sehen unserer Zusammenarbeit mit der HHU im Rahmen von Erasmus+ mit Zuversicht zu.
Danksagung
Die Erfahrungen, die wir auf dieser Reise sammeln konnten, sind unbezahlbar – Flugtickets, Hotels und viele andere Aktivitäten messen sich aber in konkreten Geldbeträgen. Exkursionen wollen finanziert und organisiert sein und daran waren viele Institutionen und Partner beteiligt. Sie haben uns diese Erfahrungen ermöglicht. Anke Hilbrenner hat zugelassen, dass wir Mittel des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte verwenden, um unsere Reise anzutreten. Dank gilt natürlich ebenso dem Institut für Geschichtswissenschaften und der Transkulturalität an der HHU, die beide diese Exkursion unterstützten. Die Philosophische Fakultät hat die Exkursion mit den fächerübergreifenden Qualitätsverbesserungsmitteln wohlwollend mitfinanziert. Stellvertretend sei an dieser Stelle Michael Heinze gedankt, der den Antrag auf die Mittel begleitet hat. Die Abrechnung der Exkursion und die Navigation durch den bürokratischen Dschungel der HHU begleitete abermals Andreas Blech kompetent und geduldig. Aber auch vor Ort gab es viele Menschen, die uns geholfen, uns getroffen und unsere Exkursion bereichert haben. In Tbilisi haben wir die engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des SovLab getroffen, die uns nicht nur die Stadt, sondern auch ihre Arbeit näher gebracht haben. Nicht nur den Mitarbeitenden sei gedankt, sondern auch Tamar Qeburia, die uns überhaupt auf diese Institution hinwies. Dank gilt ebenso Moritz Florin und seinen Mitarbeitenden, die uns sehr herzlich im Max Weber Kontaktbüro begrüßt haben. Oliver Reisner -Professor für Europäische und Kaukasische Studien an der Ilia State University - hat genau dort einen spannenden und fruchtbaren Austausch mit seinen georgischen Studierenden ermöglicht, die unseren Aufenthalt in Tbilisi bereichert haben. In der deutschen Botschaft in Tbilisi stand uns Leif Strößner Frage und Antwort und hat sich freundlicherweise Zeit für uns genommen. In Yerevan wurden wir gleich am ersten Tag ebenso herzlich von Yelena Etaryan - Lehrstuhlinhaberin für Germanistik an der Brusov State University - und ihren Studentinnen empfangen, die uns neben Yerevan auch die unendliche armenische Gastfreundschaft gezeigt
haben. Dank gilt auch seiner Exzellenz Viktor Yengibaryan, Botschafter der Republik Armenien in Deutschland, der uns Kontakte vermittelt und damit ermöglicht hat, im armenischen Parlament mit den Abgeordneten Lilit Kirakosyan, Tatevik Gasparyan und
Mikayel Tumasyan zu diskutieren. Besonders dankbar sind wir auch den Mitarbeitenden der Botschaft und des Parlaments und unserem Dolmetscher, die das Treffen organisiert und begleitet haben. Edita Gzoyan hat für uns eine wichtige und interessante Führung durch das Armenian Genocide Memorial organisiert. Nicht nur die Städte haben wir besucht. Bei unseren Ausflügen aufs Land waren in Georgien TransfersGeorgia und in Armenien Hyur Service zuverlässige Ansprechpartner mit tollen
Mitarbeitenden. Auch den Teams unserer Unterkünfte Old Metekhi Hotel in Tbilisi und Nova Hotel Yerevan gilt
unser Dank. Die Exkursion lebte auch von kurzen, zufälligen und flüchtigen Begegnungen. Bei all jenen, die Teil davon waren, die Exkursion so bereicherten und keine namentliche Erwähnung finden konnten, möchten wir uns ebenfalls bedanken.
Die Exkursionsgruppe