Kapitel I: Georgien - Im Land des Weins
Georgien - im Land des Weins
Wir kamen am Abend des 1. September in Tbilisi an. Die Sonne ging gerade hinter den Bergen unter. Der Aufenthalt sollte sich über fünf Tage erstrecken. Untergebracht wurden wir in einem Hotel, dass direkt am Fluss Kura gelegen ist und sich im historischen Zentrum der Stadt befindet. Von dort aus eröffnete sich ein unmittelbarer Zugang zu einer Stadt, die durch ihre Gegensätze geprägt ist. Historische Bausubstanz aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert steht neben moderner Architektur und aktuellen Bauprojekten. Auch noch spät am Abend ist die Stadt sehr lebendig und die Luft warm. Tbilisi wirkt romantisch und verträumt. Warmes Licht von Straßenlaternen erleuchtet die hügligen Gassen aus Kopfsteinpflaster, die sich ihre Wege durch die Stadt bahnen.
Georgien, ein Land mit rund 3,7 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, ist in hohem Maße durch seine geographischen Gegebenheiten bestimmt. Ein Großteil der Staatsfläche ist gebirgig: Im Norden erhebt sich der Große Kaukasus, im Süden sind die
westlichen Ausläufer des Kleinen Kaukasus sowie die Ränder des vulkanischen Armenischen Hochlandes. Fruchtbare Ebenen und subtropische Zonen ergänzen diese Topographie und tragen zu einer außergewöhnlichen landschaftlichen Vielfalt bei, die bereits in der Hauptstadt spürbar wird. Die Georgierinnen und Georgier waren im Umgang zunächst eher zurückhaltend, teilweise wurde es als eine verschlossene Grundhaltung wahrgenommen. Aber in persönlichen Begegnungen relativierte sich dieser Eindruck jedoch häufig, sodass Raum für Offenheit und Austausch entstand.
Wir haben die Gelegenheit bekommen, während unseres Besuchs in Georgien, die Deutsche Botschaft in Tbilisi zu besuchen. Wir wurden zu einem Gespräch mit Leif Strößner eingeladen und konnten uns zu politischen und diplomatischen
Perspektiven zu Georgien austauschen. So hatten wir die Möglichkeit, bisherige Eindrücke zu vertiefen und in einen größeren Kontext einzuordnen. Auf unserer Reise durch das Land boten sich viele Eindrücke. Eindrücke von der politischen Lage im Land, zum Beispiel durch Graffitis von einer Flagge Georgiens und einer EU-Flagge im Verbund die unzählige Hauswände verzierten, die Besuche von Sehenswürdigkeiten und Klöstern sowie Eindrücke aus dem Alltag und dem Nachtleben von Tbilisi. Dies fügte sich zu einem zunehmend dichteren Gesamtbild zusammen. Neben sachlichen Beobachtungen traten persönliche Erfahrungen, die Wahrnehmungen vertieften und machten Widersprüche sichtbar. So entstand schrittweise ein Verständnis für Georgien, das sich nicht allein aus Fakten speist, sondern aus Begegnungen, Stimmungen und Momenten, die im Folgenden näher ausgeführt werden.
Laura Hesse
Politische Situation in Georgien
Bereits bei unserer Ankunft in Tbilisi fielen uns die zahlreichen Polizeifahrzeuge auf. Eine gewisse Spannung lag über dieser Stadt. Seit der georgische Milliardär und Oligarch Iwanischwili im Oktober 2024 mit seiner Partei „Georgischer Traum“ die Parlamentswahlen gewonnen hatte, versammeln sich täglich Demonstrierende auf der Straße, um gegen den prorussischen Kurs der Regierung zu protestieren. Am ersten Tag haben wir mit SovLab (Soviet Past Research Laboratory), einer NGO, die sich mit dem sowjetischen Erbe befasst, eine Stadtführung vereinbart. Anschließend konnten wir uns mit zwei Mitarbeitenden austauschen. Sie erzählten uns beispielsweise, wie ihre Arbeit durch russische Cyberangriffe sabotiert wird und dass sie ständig damit rechnen müssen, dass ihre Organisation verboten wird, oder sie persönlich juristisch belangt werden. Auf dem Rückweg gingen wir über die Shota Rostaveli, die Prachtstraße Tbilisis mit teuren Geschäften, schicken Hotels und international ausgezeichneten Restaurants.
Hier liegt auch das georgische Parlament, in dessen Richtung wir gingen. Dort angekommen, wurde es plötzlich etwas hektisch. Polizeikräfte bahnten sich den Weg mitten durch den Feierabendverkehr hin zu einer Menschenmenge, die sich teils vermummt, aber lautstark vor dem Parlamentsgebäude versammelt hatte. Auch an diesem Dienstag gingen die Georgierinnen und Georgier wieder auf die Straße, um gegen die Regierung zu demonstrieren. Ich wollte mein Glück nicht zu sehr herausfordern – immerhin hatte man uns gerade erst erzählt, wie Polizisten völlig willkürlich und brutal gegen Demonstrierende und Journalisten vorgehen. Alsofotografierte ich von der anderen Straßenseite aus. Plötzlich setzten sich die Demonstrierenden in Bewegung und liefen in meine Richtung. Mein Puls ging etwas hoch, denn hinter ihnen liefen auch Dutzende Polizisten auf mich zu. Ich senkte also die Kamera, trat zur Seite und hoffte, dass ich keine Probleme bekommen würde. Zu meiner Erleichterung liefen alle an mir vorbei. Unter den Polizisten befanden sich einige Männer in Alltagskleidung. Später wurde mir klar, dass dies keine Passanten waren, sondern Zivilpolizisten. Vermutlich wollten sie sich den Demonstrierenden unauffällig nähern, um diese zu identifizieren. Denn alleine für die Teilnahme an einer Demonstration werden Menschen verhaftet, auch Tage oder Wochen später. Als sich die Situation beruhigt hatte, machte ich dennoch mein Foto. Ich finde es sehr symbolträchtig, dass eine Regierung, die sich durch das Volk legitimiert sieht, eben dieses Volk von ihrem eigenen Abgeordnetenhaus fernhält.
Den letzten Tag in Georgien ließen wir im botanischen Garten oberhalb der Stadt ausklingen und rätselten, was für ein gewaltiger Gebäudekomplex dort steht. Es ist der Privat- und Geschäftssitz Iwanischwilis, der dort über Tbilisi thront.
Tobias Hartung
(Welt-)Kulturerbe und Identitätsbildung - Besuch in Mtskheta und Uplistsikhe
Der Besuch von Kulturerbestätten in jedem Land ist spannend. Sie bieten interessante Einblicke in die Schnittpunkte lokaler, regionaler und nationaler Identitätspolitik. In den Weltkulturstätten wird dies noch deutlicher sichtbar, wie wir bei unserem Besuch im Jvari-Kloster und in der Svetiskhoveli-Kathedrale gesehen haben. Sie liegen nur 20 km außerhalb von Jvari-Kloster Tbilisi, bieten aber eine sehr eindrucksvolle Landschaft. Das auf einem Hügel gelegene Kloster Jvari bot einen beeindruckenden Blick auf das Tal mit dem Zusammenfluss der Flüsse Aragvi und Mtkvari. Das Kloster stammt aus dem 6. Jahrhundert und ist einer der heiligsten Orte Georgiens. Das Erlebnis war zwar heiter, wurde jedoch durch große Reisegruppen beeinträchtigt, die den Ort überfüllten. Die prächtige Svetitskhoveli-Kathedrale befindet sich in der Stadt Mtskheta. Mtskheta war vom 3. Jahrhundert v . Chr. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. die alte Hauptstadt des Königreichs Kartli. Die Kathedrale, die im 11. Jahrhundert an der Stelle der alten Kathedrale aus dem 5. Jahrhundert n. Chr. erbaut wurde, war der Ort der Krönung und Beisetzung vieler georgischer Könige. Die prächtige Architektur, die Überreste von Fresken und Inschriften sowie die symbolische Nachbildung der Grabeskirche in Jerusalem sind einige der Höhepunkte.
Als wir dort waren, sahen wir viele Gläubige, die für verschiedene Anliegen beteten. Spuren der Vergangenheit, Glaubensvorstellungen der Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft scheinen hier miteinander zu verschmelzen und machen diesen Ort zu einer der wichtigsten Kulturerbestätten Georgiens. Als UNESCO-Weltkulturerbe zeugen die historischen Denkmäler Mtskheta-Jvari-Kloster, Svetitstkhoveli-Kathedrale und das Samtavro-Kloster von einer komplexen Identität. Dieses Kulturerbe, das 1994, nur drei Jahre nach der Unabhängigkeit Georgiens von der Sowjetunion, in die Liste aufgenommen wurde, hat eine wichtige Rolle bei der Stärkung der nationalen Identität gespielt. Diese Stätten gelten als Wiege des Christentums und verbinden die Nation mit einer langen Tradition, was bei den Einheimischen ein Gefühl des Stolzes hervorruft, wie aus den Erzählungen unseres Tourguides hervorgeht. Gleichzeitig bieten diese Stätten Möglichkeiten zur Förderung des Tourismus. Der Status als Weltkulturerbe ist jedoch ein zweischneidiges Schwert: Er bewahrt die Stätten und verschafft ihnen Anerkennung, aber die Kontrolle über die Entwicklung führt oft zu Konflikten mit lokalen oder nationalen Interessen, wodurch diese Stätten umstritten werden.
Das Kulturerbe sollte eher als Kontaktzone (nach Mary Louise Pratt also als Raum, in dem unterschiedliche Kulturen, Zeiten und Perspektiven aufeinandertreffen, sich überschneiden und gegenseitig beeinflussen) betrachtet werden, mit Stätten, die vielfältige Spuren der Vergangenheit aufweisen und die Fluidität von Kulturen und Grenzen verdeutlichen. Unser Besuch im alten Höhlenkomplex von Uplistsikhe bestätigte diese Sichtweise. Als eine der ältesten städtischen Siedlungen Georgiens, deren Geschichte bis zum Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. zurückreicht, entwickelte sie sich zu einem wichtigen politischen und religiösen Zentrum, bevor sie im 14. Jahrhundert an Bedeutung verlor. Als wir die Höhlen in der Abenddämmerung besichtigten, wurden meine Gedanken über das Kulturerbe jedoch von der herrlichen Landschaft überlagert, wodurch die Trennung zwischen Natur und Kultur verwischt wurde.
Shraddha Bhatawadekar
Das Stalin-Museum in Gori
Unsere Exkursion hatte ein ziemlich volles Programm: Wir besuchten das Kloster Jvari und die alte Hauptstadt Georgiens Mtskheta, mit der Svetitskhoveli-Kathedrale. Außerdem stand die Hauptstadt der Region Innerkartlien, Gori, auf dem Programm.
Die größte Sehenswürdigkeit dort ist mit Sicherheit das Josef-Stalin-Museum. Das Museum ist im ganzen Land bekannt, wenn nicht sogar berüchtigt, und so war die ganze Gruppe sehr gespannt auf den Besuch. Nach einem Blick auf die erste von vielen Stalin-Staturen vor dem Museumseingang gingen wir hinein. Wir nahmen an einer Führung auf Deutsch teil. Die Führung durch die verschiedenen Räume des Museums zeigte Defizite in der fachgerechten Vermittlung der anerkannten geschichtlichen Zusammenhänge. Es zeigte uns jedoch, in was für einem Museum wir uns befanden. Jeder Raum präsentierte viele Stücke, die mit dem Leben Stalins zusammenhingen. So auch ein Modell von Stalins Geburtshaus, seinen persönlichen Salonwagen, einen Koffer aus seinem Besitz und viele Propagandabilder aus seiner gesamten Lebenszeit. Der interessanteste Raum des Museums war allerdings der Saal, in dem Stalins Totenmaske aufgebahrt wurde. Mittig ruhend, von einer Konstruktion aus Stäben umgeben, liegt die Maske als sicherlich wertvollstes Ausstellungsstück dort. Wir wurden darüber in Kenntnis gesetzt, dass es nur zwölf Totenmasken von Stalin gibt. Und eine davon lag sehr erhaben vor uns. Auch wenn dieses Zusammenspiel eine bestimmte Wirkung erzeugen soll, wirkt der Raum absolut gestellt, zumindest wenn berücksichtigt wird, was für ein Mensch hier verehrt wird.
Danach folgten noch Räume mit vielerlei Geschenken aus den verschiedensten Ländern an Stalin persönlich. Ein Teeservice aus Polen, eine V ase aus Bulgarien und eiserne Blumen aus der DDR zeigen hier nicht nur die verschiedenen Kulturen, sondern auch wie künstlerisch breit aufgestellt der Ostblock war. Abschließend hatten wir noch die Chance Stalins originalen Salonwagen zu besichtigen, was zur touristischen Umdeutung des Diktators beiträgt. Der gesamte Museumsbesuch war surreal. Das Museum hat außer der Glorifizierung Stalins nicht viel zu bieten, wenn man kein Stalin-Fan ist. Die meisten Bilder, Fotos und Gemälde in den Museumsräumen waren vermutlich nicht echt und besonders groß war das Museum auch nicht. Dennoch muss gesagt werden, dass sich der Besuch des Museums und auch von Gori gelohnt hat.
Tomke Paegel
Die Schwefelthermen - Wärme und Geschichte
Die heißen Schwefelbäder von Tbilisi gehören zu den faszinierendsten Orten, die wir auf unserer Reise erlebt haben. Einer alten Legende nach entdeckte König Vakhtang Gorgassali im 5. Jahrhundert die heißen Quellen zufällig während einer Jagd. Sein Falke stürzte sich auf einen Fasan. Doch der Falke fiel in dampfendes Wasser und tauchte gekocht wieder auf. Beeindruckt von der Wärme des Wassers beschloss der König, die Hauptstadt seines Reiches von Mtskheta nach Tbilisi zu verlegen – an den Ort, wo das heiße Wasser aus dem Boden sprudelte. Der Stadtname leitet sich vom georgischen Wort „tbili“ ab, was „warmer Ort“ bedeutet.
Als ich die Kuppeln von oben betrachtete, erzählte ein Reiseleiter eine interessante Geschichte: Früher hätten Männer und Frauen getrennt gebadet. An den Tagen, die nur für Frauen bestimmt waren, seien Mütter junger Männer gekommen, um potenzielle Schwiegertöchter zu beobachten – ihr Verhalten, ihre Haltung, ihre Art, im Wasser zu sein. Ob das historisch vollständig belegt ist, konnte ich nicht überprüfen, aber allein die Vorstellung zeigt, wie eng die Bäder mit den sozialen undkulturellen Traditionen Georgiens verbunden sind.
Die Bäder liegen unter der Erde, und von der Straße aus sieht man nur ihre steinernen Kuppeln, die wie kleine Hügel nebeneinander liegen. Ich fand das unglaublich faszinierend – man läuft daran vorbei, ohne zu ahnen, dass sich darunter ein ganzes System aus warmen Räumen und Dampf verbirgt. Fenster gibt es keine, nur kleine Öffnungen in der Decke, durch die tagsüber das Sonnenlicht hineinfällt. Später gingen ein paar aus der Gruppe in eines der Bäder. Es war eine private Badekammer mit einer heißen Schwefelwanne, einer Dusche und einem kleinen Ruhebereich. Der Raum war schlicht, aber gemütlich. Das Wasser war so heiß, dass man sich langsam hinein setzen musste, und der schweflige Geruch lag schwer in der Luft – ungewohnt, aber nach einer Weile erstaunlich beruhigend. Es ist nachvollziehbar, warum König Vakhtang damals entschied, seine Hauptstadt an die heißen Quellen zu verlegen: Die Schwefelbäder sind nicht nur ein Ort der Entspannung, sondern ein Symbol für Wärme, Geschichte und Begegnung – ein Ort, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart im Dampf berühren.
Isabel Moraes Haas
Träume im Ziegelkadaver - Eindrücke aus Tibilisi
Neugierig blicke ich auf den Wohnwagen rechts neben mir. Durch das Fenster erkenne ich ein kleines DJ-Setup, dahinter eine LED-Platte mit der Aufschrift „Mutant Radio“. Vor mir steht ein heruntergekommenes Gebäude, dessen aufgerissene Fassade die darunterliegenden Ziegelsteine präsentiert. Hier, an unserem vorletzten Tag in Georgien, befinde ich mich auf dem Gelände eines ehemaligen E-Werks, dessen Gerippe heute das Hauptquartier des georgischen Indie-Radiosenders „Mutant Radio“ darstellt. Gemeinsam mit meiner Begleitung besuche ich eine Performance-Art-Veranstaltung des deutsch-ukrainisch-georgischen Kollektivs Greenhouse.
Entlang der Ziegelwände begeben wir uns in das Innere des Gebäudes. Anstelle einer heruntergekommenen Fabrikhalle eröffnet sich uns eine faszinierende Kulisse. Der in wechselnden Farben beleuchtete Raum ist mit Topfpflanzen, Kissen, Teppichen und mehreren Lautsprechern geschmückt. Von der Decke hängen Tropfbeutel, aus denen regelmäßig Wasser in einen Glaskasten voller Obst und Gemüse tropft. Dahinter steht ein Einwegglas mit fermentierten Äpfeln. Ein mit Synthesizer verbundenes Mikrofon ragt aus dem Glas heraus und erzeugt die Geräuschkulisse des Abends. Eine Amalgamierung aus subtilem Klopfen, Knistern und Schmatzen. Wir setzen uns auf den knarrenden Holzboden und lauschen den Äpfeln, die gerade fermentieren. Überraschenderweise liegen einige Gäste auf dem Boden. Nach einigen Minuten nimmt eine Frau ein Mikrofon und erläutert den Fermentierungsprozess. Währenddessen krümmen und winden sich die am Boden liegenden Personen, die ich bis vor kurzem für Gäste gehalten habe, und schlendern allmählich durch den Raum.
Die Frau kommentiert unbeeindruckt das Geschehen: „Als Bestandteil dieser Performance ähneln diese Performer den Bakterien beim Fermentierungsprozess. Sie haben nur eine Aufgabe. Sie hassen euch nicht. Sie lieben euch nicht. Und sie werden sich nicht an euch erinnern“
Dann übernimmt eine andere Frau das Mikrofon. Sie sagt, dass es an diesem Abend um Träume gehen soll. Sie seien genauso vergänglich wie die fermentierten Äpfel und würden uns alle verbinden. Im Laufe des Abends reichen sich die Performer das Mikrofon, um von ihren Träumen zu erzählen: von Krokodilen in Plattenbauten, der Flucht vor der georgischen Polizei, dem Tod eines Familienmitglieds und dem Traum eine Boutique in Paris zu eröffnen. Einige sprechen auf Englisch, andere Französisch oder Türkisch. Besucher ergreifen das Mikrofon und gesellen sich zu den Performern. Menschen, die sich zuvor vollkommen fremd waren, die sich weder lieben noch hassen und die sich wahrscheinlich irgendwann vergessen werden, tauschen ihre innersten Träume aus. Auch wenn ich einige Performer nicht verstehen kann, scheint mir ihre Botschaft klar. Letztendlich verbindet uns Menschen trotz unserer verschiedenen Hintergründe mehr, als uns bewusst ist. Die Show ist vorbei. Wir verlassen das Gebäude. Das Betriebsgelände ist nun mit einer Menschenmasse gefüllt. Um mich herum wird eifrig über die Performance diskutiert. Georgisch, Deutsch, Englisch und Russisch erfüllen die Soundkulisse des Hofs. Innerhalb weniger Stunden hat sich der alte Ziegelkadaver zu einem kulturellen Treffpunkt gewandelt, in dem alle Sorgen vergessen zu sein scheinen. Damit spiegelt der Kaukasus sich als Treffpunkt der Kulturen - als Kontaktzone - wider.
Kirill Weiss