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Kapitel II: Grenzen überwinden

Grenzen überwinden

Tag 05.09.2025, 17:00 Uhr. Wir waren bereit für unsere Busfahrt von Tbilisi nach Yerevan. Alle waren neugierig …wie würde diese Erfahrung wohl sein? Als wir die Grenze erreichten, verlief der Transfer reibungslos ... es war wie am Flughafen, obwohl wir die Landgrenze überquerten. Aber natürlich stellt sich die Frage, wer Grenzen uneingeschränkt passieren darf und wer nicht. Grenzen stellen eine komplexe Dynamik dar und haben heute zunehmend an Bedeutung gewonnen. Sie definieren eine politische Einheit – eine Nation – und wecken ein Gefühl der Identität und Zugehörigkeit. Sowohl für Georgien als auch für Armenien sind die Grenzen besonders bedeutsam, da sie die Unabhängigkeit und Souveränität dieser geografisch kleineren Länder markieren, die von größeren Akteuren umgeben sind, die die Geopolitik der Region beeinflussen. Während unserer Reisen durch Georgien und Armenien wurde jedoch die umstrittene Natur der Grenzen deutlich. In beiden Ländern gibt es anhaltende Grenzkonflikte mit Nachbarn. Die Frage der Grenzen wird im Fall des Ararat, einem Symbol für die armenische Identität, besonders deutlich (wie Sie später lesen werden), das auch in unseren Reisepässen abgestempelt wurde, als wir nach Armenien einreisten. Der Berg befindet sich in der Türkei, ist jedoch stark in der armenischen nationalen Identität verankert. Um dieses Thema besser zu verstehen, muss man jedoch in die Geschichte zurückgehen und sich mit den komplexen territorialen Besetzungen, Übertragungen und politischen Verhältnissen befassen, die die Kaukasusregion geprägt haben. Im Laufe der Jahrhunderte wurden Grenzen tatsächlich ständig neu gezogen. Migrationen haben die Grenzen weiter verwischt und zu einer Verschmelzung und Hybridität der Kulturen geführt.

Sprachen, Essen, Religion, Musik und Architektur in Georgien und Armenien spiegeln diese Transkulturalität sehr gut wider. Beide Länder waren ein integraler Bestandteil der Seidenstraße und damit Teil größerer globaler Verflechtungen. Diese Einflüsse sind bis heute in ihren Kulturen sichtbar. Beispielsweise kommen einige Wörter, die in Georgien und Armenien verwendet werden, auch in Sprachen von Regionen vor, die so weit entfernt sind wie zum Beispiel Indien. (z.B. „dzira” für Kreuzkümmel im Georgischen oder „hazaar” für tausend im Armenischen, und es gibt viele weitere solcher Beispiele). Auch in der religiösen Architektur gibt es viele gemeinsame Elemente zwischen dem Iran und Armenien, wie Kuppeln, Gewölbe und Ornamente. Was die Musik betrifft, so sind die armenische Dhol und die indische Dholak – beides doppelköpfige Trommeln – einander recht ähnlich, was auf eine gemeinsame Tradition der Perkussion in Zentral- und Südasien hindeutet. Diese Beispiele zeigen, wie fließend Grenzen sind. Solche Aspekte lassen uns kritisch über moderne Grenzen und die Notwendigkeit, diese zu überwinden, nachdenken. Als wir während unserer Reise wunderbare Menschen in Georgien und Armenien trafen, Ideen austauschten, gemeinsam aßen, verschiedene Klänge und Musik hörten und sogar tanzten (wie Sie später lesen werden), verschwammen unsere imaginären Grenzen und verwandelten sich in eine wunderbare Erfahrung gemeinsamer Kultur.

Shraddha Bhatawadekar

Deutsche Beziehungen zu Georgien und Armenien

Die deutschen Beziehungen zum Südkaukasus sind vielfältig und über einen längeren Zeitraum gewachsen. Als Georgien am 26. Mai 1918 seine Unabhängigkeit erklärte, erkannte das Deutsche Reich diesen Schritt bereits zwei Tage später an und nahm diplomatische Beziehungen mit dem jungen Staat auf. Dieses schnelle Handeln war im Kontext des Ersten Weltkriegs zwar nicht uneigennützig, doch wirkten deutsche Akteure bereits zuvor in der Region – etwa deutsche Siedler, die seit dem frühen 19. Jahrhundert Siedlungen beziehungsweise „Kolonien“ in Georgien gründeten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion erkannte Deutschland Georgiens erneute Unabhängigkeit im April 1992 an. Seither entwickelten sich gute bilaterale Beziehungen, die allerdings seit der Amtszeit von Irakli Kobachidse und dem bedeutenden Einfluss von Iwanischwili immer wieder Dämpfer erfahren.                          

Wie sich diese Beziehungen auf unterschiedlichen Ebenen konkret ausgestalten, konnten wir an mehreren Stationen unserer Reise erfahren. Bei einem Besuch der deutschen Botschaft in Tbilisi empfing uns Leif Strößner, der uns nicht nur geduldig Rede und Antwort zu den deutsch-georgischen Beziehungen stand, sondern auch einen allgemeinen Einblick in die vielfältigen Aufgaben deutscher Auslandsvertretungen gab. Bereits am folgenden Tag zeigte sich, dass der Austausch weit über die diplomatische Ebene hinausgeht: Beim (leicht verspäteten – Schande über das Haupt der Exkursionsleitung) Besuch des Max Weber Kontaktbüros in Tbilisi trafen wir dessen Leiter Moritz Florin sowie Oliver Reisner von der Ilia State University, die uns sehr herzlich empfingen. Gemeinsam kamen wir mit georgischen Studierenden ins Gespräch. Das Kontaktbüro ist Teil des Max-Weber-Netzwerks Osteuropa, das Stipendien vergibt und die Vernetzung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Deutschland und der Kaukasusregion fördert. Für uns bot dieses Treffen eine wertvolle Gelegenheit, die Arbeit einer solchen Institution kennenzulernen und Perspektiven für eigene Forschung und Weiterbildung – etwa durch Praktika – auszuloten.

Auch zu Armenien bestanden bereits 1918 Beziehungen: Ähnlich wie Georgien erlebte das Land zwischen 1918 und 1920/22 eine kurze Phase der Unabhängigkeit. Seit der erneuten Unabhängigkeit im Jahr 1991 bestehen wieder offizielle diplomatische Kontakte, die nicht immer konfliktfrei verlaufen. Beispielsweise erkannte die Bundesrepublik erst 2016 den Genozid an den Armeniern durch das Osmanische Reich 1915/1916 als solchen an. Trotzdem bestand und besteht ein reger Austausch über diplomatische Kontakte und kulturelle Institutionen wie das Goethe-Institut. In Armenien hatten wir die besondere Gelegenheit, mit den Abgeordneten Lilit Kirakosyan und Mikayel Tumasyan aus der deutsch-armenischen Freundschaftsgruppe und Tatevik Gasparyan, die für die armenischen Beziehungen zur EU zuständig ist, zu sprechen. Der ausgesprochen offizielle Empfang kam für viele von uns überraschend – die spürbare Aufregung beim Betreten des repräsentativen Gebäudes und des noch eindrucksvolleren Sitzungssaals zeugte davon. Die drei Abgeordneten nahmen sich viel Zeit für uns und zeigten großes Interesse an unseren Eindrücken. Schnell kamen wir auf die für Armenien zentrale Frage einer möglichen EU-Integration zu sprechen, über die wir ausführlich diskutierten und die die Abgeordneten ganz offensichtlich sehr beschäftigt.

Phillip Schroeder

Akustische Eindrücke des Südkaukasus

Wer aus Tbilisi nach Yerevan reist, wird unter den zahlreichen Unterschieden und Gemeinsamkeiten beider Städte auch eine Veränderung der Geräusche bemerken. Auf unseren Wanderungen durch die beiden Städte äußerte sich dies insbesondere an großen öffentlichen Plätzen, wie dem Freiheitsplatz (Tawisuplebis Moedani) in Tbilisi und dem Platz der Republik (Hraparak) in Yerevan. Die beiden Orte sind durch ihre beeindruckende Weiträumigkeit und monumentalen Bauten gekennzeichnet, unterscheiden sich aber beim aufmerksamen Zuhören erheblich im Klang. Mit seinen Unterführungen verbirgt der Freiheitsplatz in Tbilisi den Großteil der Fußgänger unter der Erde, wo Widerhall der Straßenmusiker, Händler und Telefonate die an der Oberfläche dominierenden Geräusche des Verkehrs übertönen. Der Weg über die Treppe nach oben filtert nunmehr das Hupen, Heulen und Dröhnen der Fahrzeuge, welche in Tbilisi besonders häufig Polizeiwagen sind. Die besondere Lärmkulisse der Polizeieinsätze konnten wir eines Abends mit eigenen Ohren erleben, als mehrere hupende Motorräder mit jubelnden und fahnenschwingenden Demonstrierenden von einer noch lauteren Horde von Polizeisirenen verfolgt, quer über den Freiheitsplatz jagten.

Verglichen mit dem Platz der Republik in Yerevan ist dieser leise, aber trotzdem nicht still. Während der ausführlichen Stadtführung von Yelena Etaryan und ihren Studentinnen konnten wir einen Eindruck von dem zentral gelegenen Platz gewinnen. Wieder stachen einige Geräusche besonders hervor: Die lauten Klänge des Verkehrs wurden auf dem Platz deutlich leiser, wo ein Schild mit einer durchgestrichenen Hupe die Fahrer zur akustischen Mäßigung mahnte. Auch in Yerevan war die Polizei unterwegs. Selten waren jedoch die elektronischen Sirenen zu hören, die im Gegensatz zu dem tief brummenden Warngeräusch der georgischen Polizeiwagen viel unnatürlicher in der Klanglandschaft herausstach. Im Zentrum des Platzes der Republik befindet sich eine große Fontäne, die mit ihrem Wasserspiel zusammen mit den Fahrzeugen den Hintergrund der Klanglandschaft bildet. Frau Etaryan erzählte uns von der singenden Fontäne. Dabei handelt es sich um ein Wasserspiel, das jeden Abend bunt angeleuchtet wird und bei dem es eine musikalische Untermalung „vom Band“ gibt. Ich habe leider die Gelegenheit verpasst die singende Fontäne zu erleben, konnte mir aber beim Yerevan International Book Festival vor der Nationalgalerie einen Eindruck des Platzes als Treffpunkt und Austauschort verschaffen. An diesem Tag erfüllten die Klänge der Unterhaltungen und Verhandlungen, der Imbissbuden und Luftballonverkäufer, sowie der Live- Musik und des Lachens von Kindern den Platz, während die Polizei den Verkehr zurückhielt und die Fontäne abgestellt und gereinigt wurde. Beide Plätze sind als zentrale Elemente der architektonischen Identität der jeweiligen Städte nicht wegzudenken und erfüllen ähnliche Zwecke. Wenn man aufmerksam ihrem Alltag zuhört, kann man so einiges über Tbilisi und Yerevan erfahren.

Luca Brandenburger

Schriften und Sprachen

Ein Einblick in die kulturelle Bedeutung von Sprache und Schrift ergab sich während der Exkursion insbesondere durch den unmittelbaren Kontakt mit anderen Schriftsystemen. Während unserer Zeit in Armenien und Georgien wurde deutlich, dass Schrift nicht nur aus dem westeuropäischen Kontext bekannt ist. Diese Differenz war im urbanen Raum allgegenwärtig – auf Straßenschildern, Ladenfassaden, Plakaten, Speisekarten und an öffentlichen Gebäuden, wo die lokalen Alphabete durch ihre spezifische grafische Struktur sofort ins Auge fielen. Sowohl das Armenische als auch das Georgische verfügen über eigene Schriftsysteme, die unabhängig voneinander entwickelt wurden und bis heute fester Bestandteil der schulischen Bildung sind. Kinder lernen bereits früh nicht nur die jeweilige Landessprache, sondern auch den Umgang mit dem eigenen Alphabet als kulturelles Fundament. Ein vertiefender Einblick in die Bedeutung des armenischen Alphabets ergab sich durch den Besuch des Matenadaran – des Mesrop-Mashtots-Instituts für alte Handschriften – in Yerevan. Dort konnten wir frühe Bibelübersetzungen sowie reich illustrierte Manuskripte sehen, die zeigen, wie Schrift in Armenien nicht nur als Kommunikationsmittel, sondern als Träger von Wissen, Glauben und kultureller Kontinuität verstanden wird. Besonders eindrucksvoll war, dass hangefertigte Illustrationen die Bücher ausschmückten und die handwerkliche Herstellung der Farben aus natürlichen Materialien aus Pflanzen und Mineralien gewonnen wurde – ein anschauliches Beispiel für die enge Verbindung von Schrift, Natur, Kunst und Spiritualität.

Das georgische Alphabet weist eine deutlich andere ästhetische Wirkung auf, verglichen mit dem, was wir in Westeuropa nutzen. Mit seinen runderen, fließenden Formen folgt es einer eigenen grafischen Tradition, die ebenfalls bis in die frühen Jahrhunderte des Christentums zurückreicht. Die Buchstaben wirken fast zeichnerisch und erzeugen ein visuelles Kontinuum, das einen starken Kontrast zur armenischen Schrift bildet – trotz der geografischen Nähe beider Länder. Veranschaulichende Beispiele :

Kunst, Gesellschaft, Sprache/Muttersprache sind:

ხელოვნება, საზოგადოება, მშობლიური ენა (georgisch)

Արվեստը, հասարակությունը, լեզուն և մայրենի լեզուն (armenisch)

Aus einer transkulturellen Perspektive zeigt die Koexistenz dieser eigenständigen Alphabete in einer gemeinsamen Region, dass der Südkaukasus seit jeher ein Raum von Austausch, Mobilität und gleichzeitiger kultureller Abgrenzung war. Obwohl Armenien und Georgien ähnliche historische Einflüsse teilen – etwa das frühe Christentum, benachbarte Imperien und bedeutende Handelsrouten –, entwickelten beide Gesellschaften bewusst eigene sprachliche und visuelle Ausdrucksformen als Zeichen kultureller Selbstbehauptung und symbolischer Autonomie. Diese Mehrschichtigkeit der Schriftlandschaft macht deutlich, wie sich lokale Identität und globale Verständigung im Alltag überschneiden. Schrift fungiert hier nicht nur als Kommunikationsmittel, sondern als historischer, kultureller und transkultureller Marker, der beim Gehen durch die Städte unmittelbar erfahrbar wird.

Isabel Moraes Haas

Kulinarik im Südkaukasus

Die kulinarischen Eindrücke waren einer der prägendsten Aspekte unserer Reise, weil sie unmittelbar zeigen, wie eng Geschichte, Identität und Alltag in beiden Ländern miteinander verwoben sind. Beide Küchen sind tief in alten Traditionen verankert und spiegeln die Lage im Südkaukasus wider – einer Region, die seit Jahrhunderten Schnittpunkt verschiedener Reiche, Religionen und Handelswege ist. Essen ist hier nicht nur Nahrung, sondern Erzählung, Erinnerung und Begegnung. Ein verbindendes Element beider Länder ist das Brot, das traditionell in speziellen Öfen gebacken und häufig noch warm serviert wird. Trockenobst Brot bildet die Grundlage vieler Mahlzeiten und besitzt eine symbolische Bedeutung: Es steht für Gastfreundschaft, Frieden und Verbundenheit. Besonders in Armenien wurde deutlich, dass Essen untrennbar mit sozialer Nähe verbunden ist. Gäste werden selbstverständlich bewirtet, Mahlzeiten werden geteilt, und Essen wird zum Moment der Beziehung – weniger als Produkt, mehr als Geste. Diese Verbindung von Alltag und Geschichte zeigt sich auch in traditionellen Süßigkeiten wie Churchkhela in Georgien und Sujukh in Armenien. Die mit Walnüssen gefüllten Schnüre, umhüllt von eingedicktem Trauben- oder Granatäpfeln, sind bis heute allgegenwärtig – auf Märkten, an Straßenständen und in kleinen Läden. Historisch galten sie als idealer Proviant für lange Reisen: energiereich, haltbar und leicht zu transportieren. In ihnen verdichtet sich kulinarisches Wissen über Generationen hinweg und verbindet Vergangenheit mit gegenwärtigem Alltag.

In Georgien wurde diese soziale Dimension des Essens besonders im Zusammenhang mit Wein erfahrbar. Bei einer Weinverkostung nahe Gori, begleitet von Käse und Walnüssen, wurde deutlich, dass Wein weit mehr als ein Genussmittel ist. Die zahlreichen Toasts, die während der Verkostung ausgesprochen wurden, erzählten von Familie, Gemeinschaft, Verlust und Zusammenhalt. Wein fungiert hier als Medium kollektiver Erinnerung und als verbindendes Element zwischen den Generationen. Eine besonders intensive Erfahrung kultureller Nähe bot schließlich der gemeinsame Kochkurs im KITCH Bistro in Georgien, bei dem wir Khachapuri und Khinkali zubereiteten. Während des Teigknetens, Füllens und Formens wurde sichtbar, dass Kochen ein kollektiver Prozess ist, in dem Wissen, Handgriffe und Geschichten weitergegeben werden. Essen wird nicht isoliert produziert, sondern gemeinschaftlich hergestellt und erlebt – als Ausdruck kultureller Zugehörigkeit. Insgesamt zeigte sich, dass die Esskultur des Südkaukasus weniger durch einzelne Gerichte definiert ist als durch ihre soziale Funktion. Essen wird zum Medium von Erinnerung, Identität und Begegnung – und macht kulturelle Verflechtungen im Alltag unmittelbar erfahrbar.

Isabel Moraes Haas