Kapitel III: Armenien - Land der Sonne und der Aprikosen
Armenien - Land der Sonne und der Aprikosen
Armenien ist ein Land mit einer langen Geschichte und einer Landschaft, die von Bergen, Hochebenen und Wasserquellen geprägt ist. Was in Armenien sofort auffällt, ist die Verbindung von Kultur, Alltag und Gastfreundschaft. Die Menschen begegnen einem offen, respektvoll und hilfsbereit, oft durch kleine Gesten, die viel über das Lebensgefühl im Land verraten. Die offizielle Sprache ist Armenisch – wenn wir durch Yerevan gelaufen sind, konnten wir die kunstvollen Buchstaben oft sehen. Yerevan verfügt zudem über ein lebendiges kulturelles Angebot. Ein zentraler Ort ist die Staatliche Oper, die als bedeutender Treffpunkt für Musik, Tanz und Theater gilt. Es gibt eine starke Kaffee-Kultur in Yerevan. Die Qualität ist hoch, und Kaffee gehört zum sozialen Alltag – sei es in kleinen Cafés, mobilen Wagen oder einfach auf der Straße und es wird dort mit armenischen Dram bezahlt. Überall in der Stadt kann man kostenlos frisches, klares Wasser trinken. Dies ist Teil der sowjetischen Stadtplanung, da Armenien über große natürliche Wasserreserven verfügt. Für uns war das ein kleines, aber deutliches Zeichen dafür, wie selbstverständlich Fürsorge und Zugänglichkeit im öffentlichen Raum sind. Insgesamt wurde deutlich, dass Musik einen festen und lebendigen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens darstellt und kulturelle Ausdrucksformen in Armenien nicht nur institutionell, sondern auch im Alltag tief verankert sind.
Armenien ist außerdem eines der ältesten christlichen Länder der Welt und wurde bereits im Jahr 301 n. Chr. zum ersten Staat, der das Christentum offiziell annahm. Diese religiöse Tradition prägt das Land bis heute sichtbar in Klöstern, Ritualen und Symbolen. Einer Verbindung von Religion, Tradition und Kunst stehen die berühmten Chatschkare, die handgeschnitzten Steinkreuze, die in Kirchen, aber auch an Straßen und Plätzen zu sehen sind. Jedes ist anders, voller filigraner Details, und zeigt, wie tief Glaube, Handwerk und Geschichte miteinander verwoben sind.
Armenien ist ein Land, das durch tiefgreifende historische Umbrüche geprägt wurde. Diese Erfahrungen zeigen sich jedoch nicht in Distanz, sondern in einer bemerkenswerten Resilienz im Alltag. Offenheit, Gastfreundschaft und das Teilen von Essen, Musik und Gesprächen wirken dabei nicht inszeniert, sondern selbstverständlich gelebt.
Isabel Moraes Haas
Kaffee, Sonne, Ararat - Ein Berg als armenischer Sehnsuchtsort
Steht man in Yerevan, so ist er fast immer präsent – der Berg Ararat im Westen der Stadt. Man sieht ihn vom Stadtzentrum aus, von der beliebten Kaskade, die wie ein riesiges steinernes Treppenhaus fast auf den Ararat ausgerichtet ist. „Kaffee, Sonne, Ararat – das ist das armenische Glück“, sagte mir ein Tourguide, als ich das erste Mal in Armenien war. Und tatsächlich: Auf dem Staatswappen, unseren Einreisestempeln, auf Postkarten und Souvenirs – überall begegnete unserer Reisegruppe dieser Berg, oft zusammen mit seiner Schwester, dem „kleinen Ararat“, wie er genannt wird. Im Armenischen heißen sie Sis und Masis – zwei Gipfel, Zwillinge, die über das Land wachen. Der Ararat ist mehr als nur ein geographischer Fixpunkt. Vom Zentrum Yerevans aus sieht man den Ararat klar – und doch trennt ihn eine unsichtbare, unüberwindbare Linie von den M enschen, die ihn betrachten. Diese Grenze ist nicht nur politisch, sondern auch emotional: eine Linie zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen dem, was war, und dem, was bleibt. Er ist Symbol, Mythos, Sehnsucht – tief verwurzelt in Geschichte und Glauben. Das armenische Nationalsymbol befindet sich nämlich nicht auf armenischem Boden. Auf unserer Fahrt – einem Tagesausflug durch Armenien – Richtung Westen näherten wir uns der Grenze zur Türkei. Auf der Landkarte sind es nur wenige Kilometer bis zum Ararat – in Wirklichkeit aber eine Welt.
Kein Übergang, kein V erkehr, keine Brücke. Nur wenige Kilometer hinter der Grenze erhebt sich der Berg auf türkischem Territorium, wo er Ağrı Dağı heißt. Er liegt im historischen Westarmenien und ist schon lange kein Teil des kleinen armenischen Staates mehr, der nach dem Genozid und nach dem Ersten Weltkrieg in der Sowjetunion seine heutigen Grenzen erhielt. Trotz dieser Trennung bleibt die Verbindung stark. Der biblische Berg, auf dem die Arche N oah gestrandet sein soll, steht in enger Beziehung zur armenisch- apostolischen Kirche – jener Institution, die über Jahrhunderte hinweg das armenische Selbstverständnis bewahrte, als das Land von muslimischen Reichen umgeben war oder die Armenier in fremden Imperien lebten. Über die Religion spannten sie einen Bogen zu Geschichte und Selbstverständnis: N oah, der in Armenien als Urvater gilt, ist tief in das nationale Gedächtnis eingeschrieben. Das Land versteht sich als erste christliche Nation der Welt. Trotz seiner geographischen Randlage fühlen sich die Armenier kulturell eng mit Europa verbunden. Religion und Ararat sind Ausdruck dieser Zugehörigkeit – sie verbinden Glaube, Geschichte und Identiät. Und doch haftet dieser Verbindung etwas Tragisches an. Für die Armenier ist der Ararat nah – sichtbar, vertraut, fast greifbar – und zugleich fern, unerreichbar hinter einer geschlossenen Grenze. Und gerade deshalb bleibt der Ararat für die Armenier mehr als nur ein Berg. Er ist ein Stück verlorene Heimat am Horizont, ein Symbol für Nähe und Ferne zugleich. Und uns zeigt er exemplarisch die Komplexität einer Region: Im Südkaukasus sind Grenzen nie nur Linien auf der Karte. Sie sind Erinnerungen an Konflikte, an Zugehörigkeiten, an das, was verloren ging und an das, was bleibt. Zwischen Armenien, Georgien und Aserbaidschan verlaufen sie wie feine Risse in einer Landschaft, die eigentlich so viel verbindet.
Phillip Schroeder
Unser Picknick - Begegnungen in Yerevan
Einer meiner schönsten Eindrücke während der Exkursion nach Armenien und Georgien war das gemeinsame Treffen mit Germanisikstudentinnen der Brusov State University in Yerevan. Zunächst trafen wir uns in der Innenstadt, wo wir gemeinsam mit ihrer Professorin Yelena Etaryan einen Spaziergang unternahmen. Während wir durch die Straßen schlenderten, kamen wir schnell ins Gespräch und tauschten uns über das Studium, das Leben und die Kultur in unseren Ländern aus. Das Wetter war sehr sonnig und heiß, was für uns aus Deutschland eher ungewohnt, aber trotzdem wunderschön war. Wir ließen uns in einem Park nieder, in dem die armenischen Studierenden ein Picknick vorbereitet hatten. Sie haben viele traditionelle armenische Speisen mitgebracht: frisches Obst und Gemüse, hausgemachte Trockenfrüchte, das beliebte armenische Brot Lavash sowie verschiedene lokale Kräuter wie Petersilie, Koriander und Dill. Dazu gab es Käse, Tomaten und Gurken. Alles war unglaublich lecker, und besonders das Lavash war ein Highlight. Während des Picknicks stellten sich alle kurz vor und erzählten etwas über ihre Interessen und ihr Studium, über ihre bisherigen Aufenthalte in Deutschland und im Kaukasus und die Eindrücke, die sie dabei sammeln konnten. Besonders das Thema von Austauschprogrammen wie Erasmus und Humboldt kam immer wieder auf. Es war zudem sehr spannend zu hören, wie die armenischen Studierenden zur deutschen Sprache gekommen sind.
Nach dem Essen machten wir gemeinsam einen kleinen Stadtrundgang. Besonders positiv fiel uns auf, dass es in Yerevan an fast jeder Ecke öffentliche Wasserspender mit frischem Trinkwasser gibt – eine angenehme Erfrischung bei der Hitze. Auch die Wasserfontänen in einem Park sorgten für Abkühlung und Spaß. Wir konnten sogar durch sie hindurchlaufen. Später zeigte uns die Professorin die Blaue Moschee und einen großen Supermarkt mit einem beeindruckenden Sortiment an landestypischen Nüssen und Trockenfrüchten. Auffällig war auch, dass viele Straßenhunde und -katzen in der Stadt leben. Sie wirkten gepflegt, was an den Projekten liegen kann, die sich in Armenien um ihre Versorgung kümmern. Ein besonderes kulturelles Highlight war der Besuch des Matenadaran, das berühmte Handschriftenmuseum in Yerevan. Dort werden etwa 23.000 Manuskripte aufbewahrt, die ein Symbol armenischer Identität und Kultur sind. Viele der Schriften sind über 1.500 Jahre alt und dokumentieren Theologie, Medizin, Geschichte und Kunst. Am Abend gingen wir mit zwei armenischen Studentinnen noch ein Eis essen und besuchten die Kaskade, von der aus wir eine atemberaubende Aussicht auf Yerevan hatten. Zum Abschluss verabschiedeten wir uns herzlich voneinander. Wir waren beeindruckt von der Gastfreundschaft, Offenheit und Freundlichkeit unserer neuen armenischen Freunde. Dieses Treffen war eine sehr positive Erfahrung, die mir die herzliche Gastfreundschaft und die Wärme der Armenierinnen und Armenier gezeigt hat.
Valeria Rudi
Fassadenkunst in Yerevan
Die unzähligen Fassaden innerhalb der einzelnen Städte waren unsere stetigen Begleiter auf der Reise. Sie standen am Rand unseres Blickfeldes, meist unbeachtet, selbstverständlich, beinahe nebensächlich. Und doch entzogen sie sich unserer Aufmerksamkeit nie ganz. Immer wieder blieben wir stehen und ließen unseren Blick über Flächen, Vorsprünge und Schatten wandern. In beiden Ländern begegneten uns verschiedene Formen und Motive, doch vor allem in Yerevan verfolgte uns der rosarote Tuffstein wie ein vertrautes Zeichen. Er zeugt von einem ganz persönlichen Umgang mit Architektur und prägt das Stadtbild auf eine Weise, die sowohl zurückhaltend als auch eindringlich ist. Dabei spricht nicht nur das Material Bände: Auch starre und geschwungene Linien fügen sich rhythmisch aneinander und schaffen eine eigene Bildsprache, die sich zwischen Strenge und Leichtigkeit bewegt.
Die Fassade zeichnet ein Spiel aus runden, abstehenden Elementen, die fließend ineinander übergehen und mit dem Licht der Stadt in ständiger Bewegung stehen. So entsteht ein Labyrinth aus Formen, das sich beinahe endlos wiederholt, ohne dabei an Spannung zu verlieren. Eine Komposition, die auf den ersten Blick dekorativ wirkt, sich bei näherer Betrachtung jedoch als sorgfältig durchdacht entpuppt. Eine mathematisch aufgebaute Ordnung, die von Symmetrie getragen wird.
Die Sonne ist wohl das Erste, was mit der Stadt in Verbindung gebracht wird. Um der prallen Sonne in den besonders heißen Stunden zu entgehen, überziehen reliefartige Strukturen die Fassaden wie eine zweite Haut. Sie werfen Schatten, dämpfen die Hitze und lassen Luft zirkulieren. Die Fassade ist hier nicht nur eine Oberfläche, sondern ein Werkzeug und ein Schutz zugleich. Sie verbindet Schönheit mit einer langen Architekturgeschichte sowie mit klimatischen Überlegungen, die aus praktischer Notwendigkeit entstanden sind. Yerevan wird oft die rosarote Stadt genannt. Dieser Name klingt sanft, verweist jedoch auf etwas Standhaftes: Es ist eine Baukunst, die aus regionalen Materialien schöpft und daraus ein Selbstbildnis gewinnt. Was auf den ersten Blick malerisch wirkt, erweist sich bei näherer Betrachtung als gelebte Tradition.
Vor allem der Blick in die 1920er Jahre erzählt davon, wie sehr Architektur und Selbstbildnis in Yerevan miteinander verwoben sind. Als die junge Republik eine Hauptstadt formte, entwarf Alexander Tamanyan einen Stadtplan, der die krummen Gassen der alten Siedlung in ein neues Gefüge überführen sollte. Er orientierte die zentrale Nord-Süd-Achse auf den Berg Ararat und legte ein kreisförmiges Stadtzentrum an, in dem repräsentative Bauten und großzügige Räume für Plätze ihre Wirkung entfalten sollten. Um den heutigen Platz der Republik gruppierten sich die ersten Gebäude aus rosafarbenem Tuffstein – Monumente, die traditionelle Formen mit neoklassizistischen Motiven verbanden und der jungen Hauptstadt ein klares, selbstbewusstes Gesicht gaben. Noch heute bildet diese Ordnung das Fundament, auf dem sich Yerevan weiterentwickelt
Melanie Trofimov
Das Genozid Museum
Das „Armenian Genocide Museum-Institute” in Yerevan ist ein Museum und zugleich ein Forschungsinstitut und Teil der Gedenkstätte Zizernakaberd. Es liegt auf einem Hügel oberhalb der Stadt und ist architektonisch in den Hang eingebettet. Seine Fenster sind in Form von Kreuzen gestaltet und lassen nur wenig Licht in das Innere des Gebäudes. Diese reduzierte Lichtführung schafft bereits beim Betreten eine nachdenkliche, ernste Atmosphäre, die zum schweren, aber bedeutenden Thema der Ausstellung passt. Trotz dieser Wirkung ist das Gebäude modern und barrierefrei gestaltet. Der Eintritt ist kostenlos, um allen Menschen einen Zugang zur Geschichte des Völkermords an den Armeniern von 1915/1916 und seiner Erforschung zu ermöglichen. Wir nahmen an einer etwa einstündigen Führung teil. Die Dauerausstellung ist auf zwölf Ausstellungsräume aufgeteilt und die Themen umfassen das Leben der Armenier im Osmanischen Reich vor dem Völkermord, dessen Planung und Durchführung durch osmanische Politiker, Behörden und Militärs, die internationalen Reaktionen und Verurteilungen sowie die Folgen und Nachwirkungen. Auch die Deutschen hatten einen Anteil an diesem Völkermord: Die Rolle des Deutschen Reichs war ambivalent und von politischer Zurückhaltung geprägt, da das Kaiserreich ein Verbündeter des Osmanischen Reiches war.
Nach der Führung hatten wir Gelegenheit, den Denkmalkomplex am Ende des Platzes für uns allein zu besichtigen. Das Memorial besteht aus zwölf geneigten Betonsäulen die in einem Kreis aufgestellt sind, die symbolisch die zwölf verlorenen armenischen Provinzen im Osmanischen Reich darstellen. In ihrer Mitte brennt seit 58 Jahren eine ewige Flamme, die den Opfern des Genozids gewidmet ist. Daneben erhebt sich ein 44 Meter hoher Obelisk, der in zwei Teile gespalten ist. Er symbolisiert den gespaltenen Zustand des armenischen Volkes: einen Teil in der heutigen Republik Armenien, den anderen in der Diaspora. Auf einer 100 Meter langen Mauer sind die Namen der zahlreichen armenischen Städte und Dörfer verewigt, deren Bewohner dem Völkermord zum Opfer fielen. Die Erinnerung an den Genozid spielt eine zentrale Rolle für die kollektive Identität und das historische Bewusstsein der Armenier. Sie ist Ausdruck von Trauer, Solidarität und dem Anspruch auf Anerkennung der V erbrechen und Gerechtigkeit. Das Gedenken an die Opfer des Völkermords ist eng mit dem Kampf gegen das Leugnen der Geschichte verbunden und hat eine wichtige Funktion, um die tiefen Wunden der armenischen Gemeinschaft zu bewältigen. Das Memorial wurde noch zu Zeiten der Sowjetunion geplant und gebaut. Es wurde am 29. November 1967 , dem 47 .Jahrestag der Sowjetisierung Armeniens, offiziell eröffnet. Damit sollte die Erinnerung an die Opfer mit der sowjetischen Geschichtserzählung verknüpft werden. Eine internationale Anerkennung des Genozids hat lange auf sich warten lassen. Die Armenier mussten dafür kämpfen. Auch Deutschland hat erst spät die Mitverantwortung offiziell anerkannt. Die Erinnerung verbindet das Bewusstsein für die Notwendigkeit, solche Verbrechen anzuerkennen und Leugnung zu bekämpfen. Somit ergeben sich auch Verbindungen zwischen der armenischen Genozidgedenkstätte und Holocaust-Gedenkstätten, da beide an Menschheitsverbrechen erinnern, die auf systematischer Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen basieren. Heute ist der Vorplatz der Gedenkstätte gesäumt von Bäumen die von verschiedenen Staaten und Persönlichkeiten als Zeichen der Anteilnahme am Völkermord an den Armeniern gepflanzt wurden.
Laura Hesse
Unter fremden Apfelbäumen
Auf einmal bleibt der Wagen stehen. Der Fahrer steigt aus. Wir sind auf einer Straße, an deren Rand mehrere Häuser stehen. Die Motorhaube öffnet sich, und dann passiert erst einmal kurz nichts. Wir sind mitten auf unserer Tour durch Armenien an unserem vorletzten Exkursionstag, und das Auto hat eine Panne. Aber kein Problem für Anna, unser Guide für den Tag. Wir steigen aus und sie führt uns in einen Garten. Dieser liegt neben einem der kleinen Häuser an der Straße und ist durch einen Zaun inklusive Tür von der Straße getrennt. Niemals wären wir in diesen Garten gegangen und trotz Annas Aufforderung zögern einige von uns, ihn zu betreten. Man kann doch schließlich nicht einfach so in einen fremden umzäunten Garten gehen. In Armenien ist das aber scheinbar unproblematisch, jedenfalls sah das unsere Begleiterin Anna so. Denn Armenierinnen und Armenier sind ungemein gastfreundlich, wie wir bereits an unserem ersten Tag mit den Germanisikstudentinnen erfahren durften. In dem fremden Garten stehen Apfelbäume. Wir spekulieren, was Anna hier wohl mit uns vorhat, schließlich ruft sie uns dazu auf, zusammenzukommen. Nun wäre es Zeit für uns, ein paar armenische Tänze zu lernen.
Der perfekte Zeitvertreib, während unklar ist, wann es für uns wohin und mit welchem Transportmittel weitergeht. Durch das Tanzen vergeht die Zeit wie im Flug. Alle haben Spaß, auch das Ameisennest, durch das versehentlich durchgetanzt wird, kann die gute Stimmung nicht trüben. Wir sind fasziniert von Annas Familientanz, den sie uns vorführt. Fast jede Familie hat eigene Tanzbewegungen, die Mädchen der Familie lernen diese nicht aktiv, sondern ganz nebenbei auf Familienfeiern. Nach weniger als einer halben Stunde Tanzen steht der Bus einer anderen Reisegruppe, aber von derselben Agentur, für uns bereit. Etwas bedauernd verlassen wir den fremden Garten. Wann lernt man mal ebenso armenische Tänze in einem fremden Garten mit Apfelbäumen? Zwar fahren wir noch nicht zum Geghard-Kloster, dem regulären nächsten, sondern zum übernächsten Programmpunkt: der vorchristliche antike Garni-Tempel. Der Fahrer bleibt beim kaputten Auto und den Apfelbäumen zurück. Wir besichtigen die Tempelanlage, schließen Kontakt mit den dortigen Bewohnerinnen und Bewohner (Katzen) und erhalten ein fantastisches Mittagessen mit wunderschönem Panoramablick auf grüne Hügel, die durch einen Fluss geteilt werden und die Tempelanlage. Nach etwa zwei Stunden sitzen wir zufrieden wieder in einem Bus auf dem Weg zum Geghard-Kloster. Bus und Fahrer sind extra aus Yerevan zu uns gekommen. Wir freuen uns über die reibungslose Organisation und den kulturellen Austausch mit Anna, den wir ohne die Autopanne nicht erlebt hätten. Logischerweise fahren wir dieselbe Strecke zum Geghard-Tempel wie bei unserem ersten Versuch. Auf dem Weg sehen wir plötzlich einen alten Bekannten, den wir schon beim Mittagessen vermisst haben: Es ist unser erster Fahrer. Nach circa zwei Stunden steht er mit dem kaputten Auto immer noch alleine am Straßenrand und versucht es zu reparieren. Hoffentlich bekommt er bald dieselbe Freundlichkeit und Hilfe erwiesen wie wir.
Friederike Aschhoff
Das Kloster Geghard - Zwischen Fels und Glaube
Ein besonderer Moment der Exkursion und mein persönliches Highlight war der Besuch des UNESCO-Weltkulturerbe Klosters Geghard. Zunächst besuchten wir das Kloster Khor Virap, welches einen beeindruckenden Blick auf den Berg Ararat bietet. Im Anschluss wurde der Tempel von Garni besichtigt, dessen Geschichte in die vorchristliche Epoche Armeniens zurückreicht. Khor Virap ist wie Kloster Geghard eng mit der langen Geschichte des Christentums in Armenien verbunden: Im 4. Jahrhundert soll der armenische Kirchengründer Gregor der Erleuchter der Überlieferung nach den armenischen König nach langer Gefangenschaft in einer Zelle in Khor Virap letztendlich vom Christentum überzeugt und bekehrt haben. Daraufhin wurde Armenien das erste Land, das das Christentum als Staatsreligion annahm. Anschließend soll er das Kloster Geghard gegründet haben, das über Jahrhunderte immer weiter ausgebaut wurde. Seine Hallen und Säle wurden direkt in das Innere der Berge gehauen.
Beim Betreten bot sich uns ein beeindruckender Anblick: hohe Hallen, die direkt aus dem Felsen gehöhlt waren, Säulen, Reliefs und Gräber alter armenischer Könige. In einem der Räume entsprang eine schon zur vorchristlichen Zeit verehrte heilige Quelle, von der wir sogar trinken durften. Wir lernten außerdem die Besonderheit armenischer Kirchen kennen: Die Überreste von Kerzen, Gottesdiensten und Berührungen durch die Menschen werden unberührt gelassen, sodass die Spuren der Jahrhunderte immer sichtbar bleiben. Ein weiterer ganz besonderer Moment war, als unsere Begleiterin Anna uns in der Halle im Kreis versammelte, uns die Augen schließen ließ und uns mit Gesang auf die besondere, einzigartige Atmosphäre dieses Ortes einstimmte. Die Bedeutung des Christentums für das Bewusstsein der Armenierinnen und Armenier war dort spürbar. Wie wir bei der Führung erfuhren, hat Geghard, wie andere alte armenisch-christliche Stätten auch, heute eine politische Dimension: Während die Regierung des Nachbarlandes Aserbaidschan mehreren armenischen Gebieten die historische Zugehörigkeit zu Armenien abspricht, dienen Orte wie das Kloster als Beweis für deren armenisches Erbe. Ähnliches hatten wir zuvor in Georgien über die Bedeutung der dortigen, ebenfalls national eigenständigen Georgisch-Orthodoxen Kirche erfahren. In der Zeit unter russischer Herrschaft, als es keinen eigenständigen georgischen Staat gab, übernahm die Kirche die Rolle als Bewahrerin der georgischen Sprache, Kultur und Tradition. In beiden Staaten spielen die religiösen Traditionen und die Kirche als Institution daher bis heute eine sehr wichtige Rolle für das politische Selbstverständnis.
Finn Paegel