Bericht Archivbesuch Politisches Archiv Auswärtiges Amt 21.-22.02.2019
Im Dezember 2018 habe ich eine erste ungeförderte Archivreise nach Berlin unternommen. Ich sichtete die Bestände des Politischen Archivs im AA. Damals stieß ich auf insgesamt sechs Aktenbände der BRD Botschaft in Minsk, die für mich relevant schienen. Es waren vier Bände über Malyj Trostinez, ein Band über ein Denkmal im ehemaligen Ghetto von Minsk und ein Band über den stalinistischen Tötungsort Kurapaty. Da die Botschaft Minsk erst seit 1991 besteht, unterlagen die Bände allesamt der Schutzfrist. Ich beantragte eine Schutzfristverkürzung, die mir gewährt wurde.
Dies war der Grund für meine zweite, durch den Freundeskreis Geschichte geförderte, Archivreise. Ich reservierte vorab einen Platz im Lesesaal und bestellte alle sechs Bände vor.
Die Anreise am Mittwochabend verlief ereignislos und so konnte ich Donnerstag zeitig ins Archiv starten. Die Bände waren allesamt extrem dicht und zeigen auf spannende Art und Weise die Position der deutschen Außenpolitik gegenüber der Erforschung und Erinnerung an den Holocaust und den Stalinismus in Belarus. Die vier Bände über Trostinez enthalten viele Briefwechsel mit Akteur*innen aus Deutschland, Israel und Belarus, die sich für die Errichtung unterschiedlicher Denkmäler einsetzten. Außerdem finden sich Ausschreibungsunterlagen von 2004 für ein damals nicht realisiertes Denkmal in den Akten.
In der Akte über das Denkmal im ehemaligen Ghetto („Jama-Denkmal“) geht es um die Planung und Realisierung eines Projekts des belarussischen Architekten Leonid Levin. Er plante einen großen Denkmalkomplex, der allerdings nur teilweise realisiert wurde. Er ist einer der bekanntesten Künstler von Belarus und errichtete bereits zu sowjetischer Zeit unterschiedliche Denkmäler, u.a. das Denkmal in Chatyn. Die Botschaft unterstützte ihn, gegen den Widerstand einer jüdischen Organisation, bei der Umsetzung seines Vorhabens mit 20.000 DM. Die Planungen fielen zu Beginn der 2000er Jahre in die Zeit der Gesetzgebung zu den sog. „Ghetto-Renten“ durch die BRD. Dies bezog die Botschaft in ihre Erwägungen ein und erkannte, dass die Unterstützung des Denkmals eine große symbolische Wirkung für einen geringen Preis entfalten würde. Zur Eröffnung des Denkmals wurde auch der damalige Bundespräsident Johannes Rau eingeladen. Einladung und Absage gehen aus den Akten hervor. Statt ihm nahm der damalige deutsche Botschafter teil. So hätte statt Steinmeier im Jahr 2018, Johannes Rau der erste Bundespräsident in Belarus sein können.
Zum dritten Themenkomplex, dem stalinistischen Erschießungsort Kurapaty, sammelte die Botschaft Zeitungsberichte und Informationen und wog immer wieder ab, ob sie öffentlich Stellung beziehen sollte. Teilweise wurde Kurapaty entsprechend des sowjetischen Narrativs in den Zeitungen auch zu den NS-Tatorten gezählt, um die stalinistischen Verbrechen zu vertuschen. Der Ort hat einen großen Stellenwert für die nationalkonservative Opposition gegen Lukaschenko. Deshalb entschied sich die Botschaft immer wieder gegen eine eindeutige Positionierung, um das außenpolitische Verhältnis nicht zu belasten.
Aufgrund der freundlichen Politik des Archivs konnte ich aus den Aktenbänden umfangreiche Fotografien anfertigen und werde diese nach meiner Forschungsreise nach Wien und Minsk in Ruhe auswerten. Zum Abschluss des Besuchs fertigte ich zusätzliche Fotografien von bereits im Dezember eingesehenen Akten an, da die alten Bilder teilweise unscharf waren.
Das Treffen mit dem Journalisten Paul Kohl war mehr ein spannendes Zeitzeugen Gespräch, da er hauptsächlich seine Erfahrungen schilderte und ich zu tief im Thema bin, um neue Informationen zu
erhalten. Es ist aber spannend auf welches Desinteresse er Mitte der 1990er Jahre bei Verlagen, Organisationen und Zeitungen stieß. Ein von ihm geplanter Quellenband blieb lange unveröffentlicht, da kein Verlag ihn veröffentlichen wollte. Ein Einziger bot eine Veröffentlichung gegen 5000 DM Druckkostenbeteiligung an.
Ich danke dem Freundeskreis Geschichte für die großzügige Förderung der Archivreise. Sie war eine sehr gute Vorbereitung, um mit noch mehr Wissen in die Forschungsreise (gefördert von der Hort-Stiftung) zu starten. Mit diesem Wissen kann ich in Wien und Minsk weiter recherchieren und mich mit den Kolleg*innen austauschen. Außerdem tritt aus den Akten stark die (außen-) politische Dimension von Erinnerungskultur hervor. Dies ist eine meiner Grundthesen für die Masterarbeit und ich habe nun weitere umfangreiche Belege dafür.

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