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Kapitel 2: Samarkand

Mit dem Afrosiyob-Schnellzug fuhren wir am vierten Tag unserer Reise in eine der ältesten Städte Zentralasiens, die schon in der Antike ein attraktiver und daher umkämpfter Ort gewesen war. Samarkand wurde 1365 unter der Herrschaft des Emirs Timur – in Europa bekannt unter dem Namen Tamerlan (1328–1405) – zur Hauptstadt seines Reiches und zu einem der wichtigsten ökonomischen Knotenpunkte der Region. Von 1925 bis 1930 war sie die Hauptstadt der jungen Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik.

Insbesondere das Mausoleum und der Registan, sind Hotspots. Während unseres Aufenthalts trafen wir dort viele Tourist:innen, sowohl aus Usbekistan und Zentralasien, aber auch aus Russland und Zentraleuropa. Das Mausoleum, das in den Dokumentationen des Archivs die Hauptrolle eingenommen hatte, war ursprünglich für den Enkelsohn Timurs von ihm errichtet worden. Nach seinem Tod wurden er und andere Familienmitglieder allerdings auch in dem Mausoleum beigesetzt. 1941 öffneten sowjetische Archäolog:innen die Gräber des Mausoleums, um Timurs Gebeine genau zu bestimmen. An zahlreichen Stellen wurden uns Rekonstruktionen vom Aussehen des bekannten Eroberers gezeigt.

Bereits in der Nacht unserer Ankunft besuchte ein Großteil unserer Gruppe den Registan, ein zentrales Monument Samarkands mit insgesamt drei mittelalterlichen Koranschulen (Medressen) und hatte das Glück eine Lightshow mit Musik abzupassen. Nasiba Abdullaevas „Samarqand“ stellte danach für den Rest der Reise einen immer wieder auftauchenden Soundtrack und Ohrwurm dar. Der Besuch dieser historischen Orte wurde über multimediale Angebote erweitert. Über Augmented Reality (AR) Darstellungen konnte man sich kleine dreidimensionale Modelle und weitere Informationen zu den Gebäuden ansehen.

Doch auch in Samarkand lernten wir Usbek:innen kennen und traten mit ihnen in Gespräche. Auf einer Konferenz des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) veranstaltet vom Samarkand State Institute of Foreign Languages trafen wir deutschlernende Studierende und konnten uns über das Thema Studium, aber auch über potenzielle oder geplante Aufenthalte in Deutschland unterhalten.

An unserem zweiten und zugleich letzten Tag in Samarkand besuchten wir die Moschee Bibi- Chanum. Sie gilt als das ambitionierteste Bauprojekt unter Timurs Herrschaft.
Ein weiterer kultureller Höhepunkt war der Besuch der Shah-i-Zinda Nekropole, einer Grabstätte, die wie viele andere Monumente Usbekistans auch Teil des UNESCO Weltkulturerbe ist. Hierbei handelt es sich um einen aktiven muslimischen Pilgerort, der uns noch einmal eindrucksvoll die islamische Architektur darbot.

Nach einer weiteren Fahrt mit dem Afrosiyob erreichten wir in der Nacht des 18. März schließlich Buchara.

 

Tamara Mansaray

die magie samarkands

Eines meiner Lieblingsbücher früher war das Fantasiebuch „Bartimäus und das Amulett von Samarkand“ von Jonathan Stroud. Viele Gedanken über die Stadt machte ich mir damals nicht. Es war ein mit Fantasie und Magie verknüpfter ferner Ort, bis ich irgendwann das Stichwort Seidenstraße aufschnappte. Zu Dschinn und Wunderlampen gesellten sich in meinem Kopf nun Gewürze, Stoffe und Karawanen. Mit wachsender Kenntnis zu Außenpolitik verlor sich mein kindlich-„magisches“ Bild Samarkands vollends. Verstärkt wurde diese Entzauberung und Rationalisierung im Studium noch durch „Orientalism“ von Edward Said.

Von orientalistischen Vorstellungen befreit, dafür ermattet von einem langen und ereignisreichen Tag in Taschkent, saß ich schließlich im Bus vom Bahnhof zum Hotel in Samarkand. Es gab nicht allzu viel Besonderes zu sehen. Doch dann tauchte zu unserer rechten Seite ein wunderschönes, hell erleuchtetes, Jahrhunderte altes Gebäude auf: Das Gur-Emir-Mausoleum. Unsere Begeisterung war förmlich greifbar, als der Bus wenige Sekunden später anhielt, weil wir unsere Unterkunft erreicht hatten. Die meisten unserer Gruppe gingen sofort nach dem Check-In zum fast gänzlich verlassenen Mausoleum, um einige Fotos zu schießen.

Dort gab es dann die nächste Überraschung: Wir durften in das Mausoleum hinein. Dort erwartete uns eine Katze, die uns wie eine magische Gestalt aus 1001 Nacht gelegentlich miauend vom Eingang bis ins Innere zu den Grabstätten führte. Die Gräber von Timur und seinen Angehörigen liegen in wohl einem der schönsten Räume der Welt. Die Euphorie, dieses schöne Gebäude, ohne viele andere Menschen erkundet zu haben, ermutigte uns trotz Müdigkeit, auch noch zum Registan zu gehen. Kaum waren wir dort angekommen, begann eine Lichtershow, die den Registan bunt anleuchtete. Wir konnten unser Glück kaum fassen, nun auch noch das miterleben zu dürfen. Es war ein fast magischer Abend und für mich der schönste Tag der Exkursion. Zwar besuchten wir die Stadt im 21. Jahrhundert, aber einige Male ließ mich die wunderbare Architektur dies fast vergessen. Kleine Erinnerungen gibt es aber doch etwa der Blick von der Dachterrasse unseres Hotels auf das Mausoleum, der durch Stromkabel eingeschränkt wird.

Friederike Aschhoff

blicke in die unendlichkeit

Am Abend vor dieser Aufnahme begegneten wir erstmalig dem Registan, der Platz des sandigen Ortes, in Samarkand. In der Nacht konnten wir die tatsächliche Wirkung dieses Platzes nur erahnen. Erst am Folgetag machten wir uns erneut auf den Weg, um diesen Ort kennenzulernen.

Das Sonnenlicht enthüllte im Gegensatz zur Nacht die architektonische Schönheit. Die Gesamtanlage, bestehend aus drei Hauptgebäuden, wird durch das Kosch-Prinzip – die spiegelsymmetrische Anordnung von gegenüberliegenden Bauten – bestimmt. Die Platzanordnung vermittelt den Eindruck von Harmonie und Vollkommenheit. Diese Einigkeit findet sich in der Fassadenausfertigung wieder. Jene Schönheit, freigegeben vom Licht, kommt zur Geltung. Durch die Farbintensivität verliert man sich instinktiv im Bann islamischer Kunst.

Perspektivwechsel – vom Detail zur Gesamtheit – führen einen in Versuchung den vollständigen Charakter erfassen zu wollen. Ob ich nun schlauer bin und einen Charakter erfassen konnte? Das bezweifle ich. Die Flüchtigkeit des Lichtes und dessen Wirkung auf die Fassade vereinnahmten meine Aufmerk- samkeit. Am heimischen Schreibtisch kann man sich intensiveren Studien widmen, denn vor Ort sollte man den Blick schweifen lassen.

Zu hinterfragen ist das landläufige Vorurteil, dass die islamische Kunst gegenstandlos sei. Denn das außer Acht lassen von figürlichen Darstellungen, wie die Jagdszene der Sher-Dor- Madrasa, führt zu einer Vernachlässigung der Vielschichtigkeit der islamischen Kunst. Denn diese figürlichen Szenen, wie der Fabelwesen ähnliche Tiger, der ein weißes Reh jagt, regen die Vorstellungen der Rezipient:innen an. Wer ist der Jäger und wer der Gejagte?

Die symmetrische Anordnung der Motive und Formen ist keineswegs ausdrucks- oder abwechslungslos.
Die Anwendung von Achsensymmetrien unterstreichen ein Gefühl von Unendlichkeit. Diese zeitliche und räumliche Unendlichkeit lebt in Usbekistan, da man sich hier fühlt, als sei man am Nabel der Welt.

Julia Viven Volkholz

in t-shirt und jeans

Ein Treffen mit dem DAAD

Selten wurde ich so offiziell empfangen und war gleichzeitig so eindeutig underdressed, wie bei der binationalen Konferenz des DAADs am Samarkand State Institute of Foreign Languages. Bei der Konferenz trafen wir usbekische Studierende, die am Institut für Fremdsprachen Deutsch lernen und entweder in der Zukunft einen Deutschlandaufenthalt planen oder diesen bereits hinter sich haben. Beim Betreten der Universität stach mir sofort das große Schild am Eingang ins Auge, das die Kleiderordnung für Studierende aufzeigte. Keine Jeans, kein T-Shirt. Und so blickte ich an mir selbst herunter: Jeans und T-Shirt. Der Rest unserer Gruppe war ähnlich gekleidet. Trotzdem ließ uns der Pförtner ohne einen Kommentar herein. Unter den Studierenden in schicker Hose und stylischer Bluse oder Hemd fühlte ich mich persönlich zu lässig. Unsere Gastgeber:innen nahmen es uns allerdings nicht übel. In einem formellen Hörsaal mit Bühne, auf der sowohl die usbekische als auch die deutsche Flagge gehisst war, befand sich ein langer Tisch, an dem Phillip Schroeder Platz nehmen sollte. Der Rest vor uns nahm im Publikum Platz ein. Nach einer kurzen Einführung hielten Friederike Aschhoff und Franca Herms ein zweites Mal ihre Vorträge. Danach erzählten uns zwei usbekische Studentinnen von ihrem Aufenthalt in Deutschland. Anschließend wurde der Raum für Gespräche mit den Studierenden eröffnet. Die Studierenden stellten uns vor allem Fragen rundum das Thema Studium und Wohnen und wir gaben unser Bestes, sie so gut es ging zu beraten. Zum Schluss tauschten wir deutsche bzw. usbekische Geschenke miteinander aus und fügten einander als Kontakt auf sozialen Netzwerken hinzu, mit dem Versprechen, einander zum Beispiel bei einem Aufenthalt in Deutschland wiederzutreffen.

Tamara Mansaray

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