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Kapitel 3: Buchara

Buchara ist eine vermutlich in der Antike gegründete Stadt, die für ihre günstige Lage an der Seidenstraße bekannt war.
Auf uns wirkte sie wie ein gigantisches Freilichtmuseum und so beschrieb sie auch unser Tourguide. Die Altstadt besteht fast ausschließlich aus Hotels, Restaurants und Monumenten. Doch so imposant die Architektur auch war, fiel es uns hier mitunter am schwersten, den Blick nicht nur auf die bekannten Buchara-Teppiche und Souvenirs zu werfen, sondern auf das „echte Buchara“ und seine Bewohner:innen. Doch bereits bei einem kurzen Weg über den Basar spricht ein Mann einen Teil unserer Gruppe plötzlich auf Deutsch an und fragt, aus welcher Region Deutschlands wir kommen. Nach einem kurzen Austausch wird klar, dass er einige Jahre in Deutschland gelebt hat und Freunde in Nordrhein-Westfalen hat. Er erkundigt sich nach den Schäden der Flutkatastrophe von 2021 und beschreibt die Erfahrungen seiner Freunde. Solche kurzen Gespräche, ob nun auf Deutsch, Englisch oder auf Russisch häuften sich, je länger wir in Usbekistan waren. Sie geschahen an den verschiedensten Orten und ganz spontan. Sie zeugten von der Vielfältigkeit des Landes und seiner Bevölkerung und von ihrer Aufgeschlossenheit und ihrem Interesse an anderen.

Unser zweiter Tag in Buchara führte hinaus aus der Altstadt zur Sommerresidenz des Emirs, dem Schloss Sitorai Mohi Xosa. Das Anwesen überraschte uns alle mit einem interessanten Architekturmix. Neben den Einflüssen islamischer Baukunst, die wir zu diesem Zeitpunkt alle erkennen konnten, fanden wir an den Fassaden der Gebäude und in manchen der Innenräume auch Elemente, welche so manche:n unter uns an die Architektur Sankt Petersburgs erinnerte. Die Rückreise von Buchara nach Taschkent war für viele aus unserer Gruppe ein Highlight, da wir Nachtzug fuhren. In kuscheligen Kabinen, in denen je vier Personen schlafen konnten, machten wir es uns gemütlich, um acht Stunden lang zu singen, spielen oder auch angenehm zu schlummern.

Tamara Mansaray

buchara bei nacht

Die Ankunft in Buchara markiert die Halbzeit unserer Reise durch Usbekistan. Als wir nachts, kurz vor Mitternacht, unsere Unterkunft betreten — ein authentisches muslimisches Haus mit Innenhof und wunderschönen Zimmern mitten im alten Zentrum — überkommt uns ein Gefühl der Müdigkeit. Die Betten bringen uns in Versuchung, doch ans Ausruhen ist nicht zu denken. „Buchara bei Nacht muss man gesehen haben“, sagt meine eifrige Zimmernachbarin Stanislava und so beschließen wir, bei einem Nachtspaziergang die Stadt zu erkunden und den Schlaf einfach in Deutschland nachzuholen.

Man könnte meinen, dass nachts in Buchara die Zeit still steht. Trotz des Wochenendes sind die Straßen der Altstadt leer und es herrscht eine Ruhe, die man so selten in der Stadt erlebt. Nur die Vögel auf den Bäumen zwitschern als wäre es helllichter Tag. Wir begeben uns zum Labi Hovuz, einem Gebäudeensemble um einen künstlich angelegten Teich, das aus islamischen Bauten besteht und tagsüber einen Platz für Begegnung und Handel bietet.

Wir sind überwältigt von der Dichte der Gebäude, die massiv und doch irgendwie grazil mit ihren himmelblauen Kuppeln in den Himmel ragen. Es zieht uns in die kleinen Gassen — denn wir fragen uns, wie und wo die Menschen in Buchara ihre Nächte verbringen. In einem kleinem Hinterhof sehen wir Licht durch die gläserne Tür eines Ateliers. Neugierig klopfen wir und ein freundlicher Mann öffnet uns die Tür. Dschurabek ist Graveurmeister und arbeitet gerne nachts, wenn es ruhig ist, erzählt er uns. Das Gespräch mit ihm ist angenehm; er ist sehr zuvorkommend und bodenständig. Wir entschuldigen uns für die Störung, doch er winkt ab. Eine „kreative Raucherpause“ sei das für ihn, sagt er und wünscht uns weiterhin eine schöne Reise. Wir gehen weiter durch die schmalen Gassen des alten Zentrums. Stille. Ich muss an die Altstadt in Düsseldorf denken.

Ironischerweise hören wir kurz darauf leise Musik aus einem der Fenster. Wir gehen näher ran und entdecken ein offenes Tor zu einer Garage, in der sich hunderte frische Brote stapeln. Es riecht traumhaft. Wir bleiben nicht unentdeckt und zwei junge Männer, Brotbäcker, führen uns in ein Nebenzimmer, in dem sie nach traditioneller Art backen. Die Arbeit ist schwer, doch sehr angesehen, denn Brot ist ein essenzieller Bestandteil der usbekischen Kultur. Sie erzählen uns, dass der Ofen rund um die Uhr in Betrieb ist, um genug Waren für das anstehende traditionelle Neujahrs- und Frühlingsfest Navruz bereit zum Verkauf zu haben. Sie schenken uns zwei Laibe zum Abschied und wir wünschen uns gegenseitig ein gesegnetes Fest.

Vielleicht steht die Zeit in Buchara nachts doch nicht still, denke ich auf dem Weg zurück ins Hotel.

Julia Derkatch

 

zwischen tradition und moderner produktion:

 Textilherstellung in Usbekistan

Die Textilindustrie in Usbekistan ist eine wahre Schatzkammer der Traditionen und Geschichte Usbekistans. Die traditionellen usbekischen Stoffe, auch bekannt als "Ikat", sind berühmt für ihre einzigartigen Muster und Farben und werden seit Jahrhunderten von usbekischen Handwerker:innen hergestellt. Sie sind ein wichtiger Teil der Kultur des Landes und werden von der Regierung aktiv geschützt und gefördert. Eine Studie der UNESCO aus dem Jahr 2020 betont die Bedeutung der traditionellen Textilherstellung für die kulturelle Identität Usbekistans.

Die Stoffe sind reich an Farben und können nicht nur aufgrund ihrer außergewöhnlichen lokalunterschiedlichen Muster, sondern auch wegen ihrer faszinierenden Geschichte begeistern. Die usbekischen Handwerker:innen üben ihre Kunst mit Leidenschaft und Liebe zum Detail aus und tragen so dazu bei, dass diese traditionelle Kunstform auch heute noch fortbesteht.

Die Textilindustrie in Usbekistan ist eng mit dem Anbau von Baumwolle verbunden und hat eine lange Tradition in der Herstellung von handgewebten Stoffen aus Baumwolle, Seide und Wolle. Laut einer Studie der Internationalen Baumwollorganisation (ICAC) aus dem Jahr 2021 stammt fast die Hälfte der weltweit produzierten Baumwolle aus Usbekistan. Die Produktion und Weiterverarbeitung von Baumwolle werden auch im usbekischen Wappen aufgegriffen. Trotz der Modernisierung bleibt die traditionelle Textilherstellung in Usbekistan lebendig. Insgesamt ist die Textilindustrie in Usbekistan ein wichtiger Wirtschaftszweig, der eng mit der Kultur des Landes verbunden ist. Die Regierung setzt sich dafür ein, die traditionelle Textilherstellung zu schützen und zu fördern, während sie gleichzeitig die Modernisierung und Wettbewerbsfähigkeit der Branche vorantreibt.

Mein Bild zeigt diese Vielfalt. Die handproduzierten Kissenbezüge wurden von einer lokalen Weberin traditionell hergestellt und zum Navruz-Fest auf dem Markt angeboten.

Stanislava Balueva

altstadt buchara

 Lifting für das alte Antlitz

Buchara liegt im Landesinneren Usbekistans und ist ein regelrechter Touristenhotspot. Viele Mitreisende unserer Gruppe waren sich nach dem Aufenthalt in dem Punkt einig, dass von den drei Städten, die wir besucht hatten, Buchara am „touristischsten“ geprägt sei.
Die Besonderheit an Buchara ist dessen einzigartige Altstadt, die der Stadt eine besonders orientalisch anmutende Atmosphäre verleiht und zudem erklärtes UNESCO-Weltkulturerbe ist. Die beige-/sandfarbenen Gebäude vermitteln dem Besucher das Gefühl in einer typisch orientalischen Wüstenstadt zu sein. Und das sind sie auch. Buchara ist genau das, was sich die Besucher:innen erhoffen. Eine rege Oasenstadt an der Seidenstraße mit faszinierender Handwerkskunst und einzigartigem Flair.
Genau dessen ist sich die Tourismus-Behörde Usbekistans offensichtlich auch bewusst. Daher verstärkt die Stadt auf künstliche Art und Weise ihr orientalisches Image, um den Tourismus zu fördern. Der Kontrast zwischen den alten und neuen Elementen der Altstadt Bucharas ist allgegenwärtig. Auf der rechten Seite des Bildes befindet sich eine der vielen alten Markthallen mit ihren ikonischen Kuppeldächern. Links im Vordergrund sieht man eine längere Hausfront eines neuen Gebäudes, in dem verschiedene Geschäfte untergebracht sind. Durch Bombardierungen der Sowjetunion wurde der Großteil der Altstadt zerstört, weswegen man auch viele Neubauten dort sieht. Ich muss gestehen, dass mir erst bei der zweiten Betrachtung aufgefallen ist, dass es sich hierbei um ein modernes Gebäude handelt. Das ist genau der Ansatz, der in Buchara vielerorts verfolgt wird. Neue Gebäude sollen nicht aus dem Gesamtbild herausstechen und werden daher bewusst in den Farben der alten Gebäude bestrichen und mit orientalischen Elementen versehen (s. Bild.).

Bucharas Innenstadt ist ein Konzept, das stimmig gehalten werden soll, um den Tourist:innen ein möglichst authentisches Gefühl zu geben.

Dies führt allerdings dazu, dass man sich von Zeit zu Zeit wie in einer Art Filmkulisse oder Freizeitpark fühlt. In der Stadt dreht sich nun mal alles um den Tourismus und sie ist für Tourist:innen hergerichtet. Das ist der Grund warum einige von uns enttäuscht von Buchara waren. Ich fand es am Anfang auch befremdlich, konnte aber darüber hinwegsehen, da es ja trotzdem die authentischen Orte gibt. Auf einer Dachterrasse mit Blick auf die Abdulaziz- Khan-Madrasa und die Basar-Hallen einen Tee zu trinken war zweifelsohne ein absolutes Highlight. Die Stadt fühlte sich für mich trotz ihres Status als Touristenstadt selbst am Vorabend des Navruz-Fests nicht überlaufen an. Dennoch war es ein eigenartiges Gefühl einen Reisebus nach dem anderen in die Stadt fahren zu sehen, da der Massentourismus in Buchara einfach eine Ausnahme für Usbekistan darstellt. Auch wenn der Tourismus in Buchara die Stadt für sich beansprucht und ihr Image als orientalische Oasenstadt an vielen Stellen durch künstliche Verzerrungen aufrechterhalten wird, kann man die alte Seele der Stadt heute noch spüren weswegen wir, und ich denke ich spreche da für alle Mitreisenden, ob etwas enttäuscht oder nicht, eine tolle Zeit dort hatten.

Joshua Zapf

 

das museum für angewandte kunst in sitorai mohi xosa

und die (Un-)Gütligkeit postkolonialer Debatten im heutigen Usbekistan

Nach den vielen Baudenkmälern, Palästen und Sakralbauten, die z.T. jahrhundertealt waren, führte unser letzter gemeinsamer Ausflug in Buchara in die Sommerresidenz des letzten Emirs von Buchara Alim Khan in das Schloss Sitorai Mohi Xosa, das in den Jahren 1912 bis 1918 (also in den letzten Jahres des Russischen Zarenreiches, während des Ersten Weltkriegs und des sowjetischen Bürgerkriegs) errichtet worden war. Über die Eroberung Bucharas durch die Bolševiki waren wir bereits während unserer Stadtführung am Tag zuvor informiert worden. In diese Zeit am Anfang des 20. Jahrhunderts führte uns auch diese Exkursion vor die Tore der Stadt. Im Inneren des Palastes befindet sich ein Museum für angewandte Kunst, das Kleidungsstücke, Kunsthandwerk, Teppiche, Keramik und Schmuck ausstellt. Gegen Ende der Führung durch den Palast, am Pool vor dem Haremsgebäude, berichtete der Guide abermals über die Eroberung der Residenz durch die Rote Armee.

Eher im Nebensatz kam er darauf zu sprechen, dass ein großer Teil der Kunstgegenstände, die sich einst im Palast befanden, heute in den großen russischen Museen, vor allem in der Eremitage in St. Petersburg aufbewahrt werden. Das erinnerte mich an die Restitutionsdebatten, die gegenwärtig auch in deutschen Museen über die Rückgabe kolonialen Raubguts, z.B. über die so genannten Benin-Bronzen, geführt werden und deshalb fragte ich, ob es auch in Usbekistan oder konkret in Buchara und im Sitorai Mohi Xosa Forderungen nach der Rückgabe der entwendeten Kunstgegenstände gebe. Der Guide reagierte etwas überrascht: Die Kunstschätze aus dem heutigen Usbekistan würden doch in der Eremitage in St. Petersburg einer viel größere Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, als in den Museen Usbekistans.

In der weltberühmten Eremitage wären sie zudem gut aufgehoben. Niemand würde sich wünschen, dass die russischen Museen, in denen, so der Guide, doch viele Exponate aus allen Teilen des ehemaligen Imperiums gezeigt würden, plötzlich nur noch leere Wände und Vitrinen beherbergen würden. Obwohl es nicht den Anschein hatte, dass der lokale Guide die Diskussionen um die Restitution kolonialen Raubguts in Westeuropa verfolgte, erinnerten seine Antworten frappierend an die Argumente, die von den Gegnern der Restitution in diesem Zusammenhang bemüht werden.

Zugänglichkeit, die in den großen europäischen Museen viel besser gewährleistet sei, konservatorische und kunst- bzw. wissenschaftsgeschichtliche Expertise, sowie die Angst vor den leeren Museen sind in diesem Diskurs feststehende Topoi, die, wenn auch durchaus kritisiert, dennoch von einigen Restitutionsgegner:innen ähnlich vorgebracht werden. In dieser Hinsicht ist die Frage nach der Provenienz, der Präsentation und der Restitution historischer Exponate aus Usbekistan ein Thema, dessen Erforschung rasch zum Anschluss der usbekischen post-kolonialen Situation an europäische Diskussionen führen und zugleich ein tieferes Verständnis Russlands und der Sowjetunion als Kolonialreich befördern würde.

Anke Hilbrenner

für jeden etwas dabei:

Die Vielfalt der usbekischen Keramik

Die farbenfrohe, landestypische Keramik wurde schon vor unserer Exkursion nach Usbekistan von unserem Dozenten und Exkursionsleiter Phillip Schroeder angepriesen.
Ein Großteil der in Usbekistan produzierten Keramik kommt aus dem im Osten des Landes gelegenem Ferghanatal, genauer der Stadt Rishton. Diese ist seit vielen Jahrhunderten für die Produktion von Keramik, aber auch für die Ausbildung neuer Keramik-Meister bekannt. Die Verzierungen unterscheiden sich meist basierend auf der Region, in der die Keramik hergestellt wird. Die Auswahl an Mustern und Farben ist überwältigend. Von klassisch usbekischen Mustern wie beispielsweise der blau-weiß stilisierten Baumwolle, die das wichtigste Agrarprodukt Usbekistans ist und sogar das Staatswappen ziert, bis hin zu sehr bunten Darstellungen oder traditionellem braun-grünem Dekor. Für jeden ist etwas zu finden. Nicht nur die Verzierungen, sondern auch die Qualität der Keramik unterscheidet sich stark, da nicht alle Keramik von ausgebildeten Meistern hergestellt wird. Ein sehr engagierter Keramikmeister erklärte uns, wie wir die beste Qualität feststellen können. Und zwar anhand des Tons, welcher bei einem Schnipser gegen das Objekt entsteht.

Viele Exkursionsteilnehmer:innen, mir inklusive, planten schon vor der Reise den Kauf von Keramik. Besonders Teekannen und traditionelle Teeschalen ‚Piala‘ waren heiß begehrt. Im alltäglichen Gebrauch sind jedoch auch verzierte Teller und große Platten zu finden. Für Tourist:innen gibt es darüber hinaus kleine Keramikfiguren, beispielsweise von bekannten usbekischen Persönlichkeiten aber auch Tieren wie beispielsweise Kamelen.

So machten wir uns bei vielen Basar-Ständen und kleinen Geschäften auf die Suche nach den schönsten Exemplaren. Hier mussten wir erneut unsere Fähigkeit des Handelns erproben, da die Händler vor allem bei Touristen verständlicherweise ein gutes Geschäft machen wollen. Viele von uns packten am Ende der Reise die meist in Papier und weiterem improvisierten Schutz eingewickelten Errungenschaften in unser Gepäck und hofften, dass diese die Reise zurück nach Deutschland heile überstehen.

Franca Herms

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