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Qualifikationsprojekte

Dissertationsprojekte

André Ingendae

Dissertationsprojekt

Das Vorhaben zielt auf die multiperspektivische Rekonstruktion des Streits um das Erzschatzmeisteramt im 18. Jahrhundert. Im Zentrum steht die Frage nach der diplomatischen Praxis dieser Auseinandersetzung: Welche Interessen, Positionen und Strategien verfolgten die beteiligten Akteure, und mit welchen Argumenten führten sie die Verhandlungen? Zugleich wird die Bedeutung des Erzamts für die Beteiligten analysiert, insbesondere im Hinblick auf seine Ausübung bei Krönungen sowie seine symbolische Inszenierung darüber hinaus. Durch die Verbindung dieser beiden Perspektiven – der Analyse diplomatischer Praxis und der Untersuchung symbolischer Repräsentation – soll gezeigt werden, wie die Akteure das Erzamt instrumentalisierten und welche Argumentationsmuster den Konflikt über Jahrzehnte prägten. Methodisch knüpft die Arbeit an Ansätze der Neuen Diplomatiegeschichte, der Kulturgeschichte des Politischen und der Reichsverfassungsgeschichte an. Zu den wichtigsten Quellen gehören Gesandtenberichte vom Reichstag in Regensburg, vom Kaiserhof in Wien und von den Wahlkonventen in Frankfurt am Main. Die Arbeit basiert auf der Aktenüberlieferung von Kurhannover, Kurpfalz und dem Kaiserhof, ergänzt durch Bestände aus Kurbayern, Kursachsen, Kurköln und dem Fürstbistum Speyer.

Das Vorhaben wird seit April 2026 im Rahmen eines Promotionsstipendiums von der Gerda Henkel Stiftung gefördert.

Alexander Schamberg

Dissertationsprojekt

In meinem Dissertationsprojekt untersuche ich Lobbyismus in der Frühen Neuzeit am Beispiel der in London ansässigen Russia Company, einer Handelsgesellschaft mit Monopol auf russische Importe. Dabei gehe ich davon aus, dass Lobbyismus nur vor dem Hintergrund frühneuzeitlicher Entwicklungen verstanden werden kann. Schließlich ist Lobbyismus keine bloße Begleiterscheinung eines universellen Marktes, sondern historisch und muss deshalb zum Gegenstand historischer Untersuchung gemacht werden. In diesem Sinne begreife ich Lobbyismus als zeitgenössische Reaktion auf die Verdichtung von ökonomischer Konkurrenz im 18. Jahrhundert und knüpfe an neuere Forschungen der Wirtschaftskulturgeschichte an.
Im späten 17. und 18. Jahrhundert spielte die Russia Company eine Schlüsselrolle bei der Versorgung des Königreichs. Insbesondere die Royal Navy war in hohem Maße abhängig von der Einfuhr russischer Ressourcen. Gleichzeitig überzogen zeitgenössische Publizisten die Handelsgesellschaft und ihr Geschäftsmodell mit Kritik. Ich behaupte, nur eine akteurszentrierte Perspektive auf Lobbyismus in der Frühen Neuzeit kann die Kontroverse um die Russia Company erklären, während ideengeschichtliche Sichtweisen den Blick auf ihre Geschichte verstellen.

Laura Seithümmer

Dissertationsprojekt

1669 ordnete Kaiser Leopold die Vertreibung aller Jüd*innen aus Wien an. Zuflucht fanden sie 1671 in Brandenburg, mit dessen Kurfürsten Friedrich Wilhelm sie gut ein Jahr lang über ihre Aufnahmebedingungen verhandelt hatten. Eine der wichtigsten Bestimmungen besagte, dass ihnen keine Synagoge gestattet werden sollte. Die reichsten Familie in Berlin - an der Spitze ist wohl spätestens um 1700 die Familie Liebmann zu nennen - umgingen dieses Verbot schnell, indem sie anfingen, Privatsynagogen in ihren Häusern zu installieren. Die Frage, ob weiterhin nur die eigene Familie oder auch andere Mitglieder der Gemeinde diese besuchen durften, wurde lange Zeit nicht eindeutig beantwortet. Als Friedrich III./I. schließlich im Jahr 1700 den Bau einer öffentlichen Synagoge gestattete, begann der Kampf der Familie Liebmann gegen diesen Bau, der bis zum Tod Friedrichs III./I. im Jahr 1713 ausgetragen wurde. Im Rahmen der Dissertation soll dieser Konfklikt in seinen einzelnen Phasen beleuchtet werden, mit besonderem Blick auf dem Einfluss der Liebmännin, wie Esther in den Briefen der Zeit genannt wird. Das Thema bietet mir nicht nur die Möglichkeit, einen Beitrag zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Berlin zu leisten, sondern vor allem einen ersten umfangreichenden Bericht über das Wirken dieser mächtigen Jüdin zu liefern.

Abgeschlossene Qualifikationsprojekte

Kristina Hartfiel

Dissertationsprojekt

Abgeschlossen SoSe 2023

Aufbauend auf meiner Magisterarbeit verfolge ich in meinem Dissertationsvorhaben die kulturelle Konstruktion von Wissensbeständen in deutschsprachigen Werken, die zum Lernen der Historie intendiert waren. In diesen Quellen entwickelten und verfestigten sich – so die These – Formen von Geschichtswissen, indem die Lehrbuchautoren ihr Material auswählten, gewichteten und bewerteten. Das heißt: Wie wurde Geschichte dargestellt und in eine lesbare Form gebracht, so dass nach Meinung der Autoren historische Erkenntnis möglich wurde? Während diese Frage insbesondere in der jüngeren Historiographieforschung kein Schattendasein mehr führt, hat die Auseinandersetzung mit den Quellen als Medienkombination von Text und Bild – vor allem in der historischen Bildungs- und Schulbuchforschung – weitaus weniger Betrachtung gefunden. Die von mir zu betrachtenden Werke stellen die Universalgeschichte intermedial bereit.

Doch eine rein inhaltliche, textuell-illustrative, Analyse der Untersuchungsobjekte greift zu kurz. Darüber hinaus bleibt grundlegend zu fragen, ob die als Vermittlungsmedien intendierten Texte überhaupt die Funktion als Lehrwerk übernommen haben und sie somit an der Herstellung und Selektion von Sinn beteiligt waren? Wurden sie sozusagen von einem intendierten auch zu einem rezipierten Lehrwerk (‚gemacht‘)? Wie gestaltete sich – und vor allem wer gestaltete  –  dieses Lehrwerk-Machen? Entgegen einer ontologischen Bestimmung des Begriffs, verstehe ich unter „Lehrwerk“ solche Quellen, die sowohl im Schulunterricht als auch außerhalb von Bildungseinrichtungen zum Lehren und Lernen verwendet wurden. Mein Vorhaben stellt somit in Anlehnung an die Materielle Kulturforschung explizit die Frage des Kontextes und des Gebrauchs der Bücher, vor allem die Frage nach den Akteuren, der Materialität und Medialität der Objekte und damit auch des Nutzungs- und Wirksamkeitskontextes der als Lehrwerk intendierten Quellen.

Im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen zwei in Nürnberg gedruckte Werke, die zum Erlernen der Historie beabsichtigt waren, deren Funktion als Lehrwerk für Geschichte bisher aber nicht analysiert wurde. Der Neu=eröffnete Historische Bildersaal und die Sculptura historiarum et temporum memoratrix, später Die Welt in einer Nuss genannt, wurden von Professoren und Alumni der Universität Altdorf in einem Zeitraum zwischen 1692 und ca. 1782 geschrieben. Beide Werke gibt es heute zudem in verschiedenen Ausgaben und Auflagen, so dass sich auf unterschiedlichste Weise Entwicklungen und Differenzen erkennen lassen.

Dr. Tobias Winnerling

Habilitationsprojekt

Am Ende des Gelehrtenlebens steht, wie für alle Menschen, zunächst einmal – der Tod. Gerade für diese spezielle Gruppe aber ist das körperliche Ableben zumindest in der allgemeinen Vorstellung nicht gleichzusetzen mit dem Verschwinden, besteht ein gewichtiger Teil ihrer Aspirationen doch darin, den eigenen Tod zu überdauern und in die Ewigkeit des Ruhms der Nachwelt einzugehen. In diesem Sinn ist der körperliche Tod, so bedauerlich er auch sein mag – immerhin unterbricht er die schöpferische Arbeit doch manchmal recht unsanft – die Geburt zum zweiten Leben, dem Nachleben im Nachruhm. Für die meisten jedoch war und ist dieses zweite Leben nur von kurzer Dauer: Sie sterben rasch, wie Giorgio Vasari es bereits 1550 nannte, den zweiten Tod des Vergessen-werdens, vor dem er seine Porträtierten zu schützen suchte.1 Schließlich ist es nur wenigen vergönnt, dauerhafte Aufnahme in den Wissensbestand nachfolgender Generationen zu gewinnen, auch nach dem Tod durch immer neue Bezugnahmen wieder im Referenzsystem verankert zu werden. In meinem Habilitationsprojekt will ich diese Konfigurationen und Praktiken am Beispiel einer relativ klar umrissenen Gruppe von gut vernetzten und gut positionierten Gelehrten des frühen 18. Jahrhunderts deutlich machen, anhand von Personen, die theoretisch alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt hatten, um erinnert zu werden. Dabei soll es um diejenigen gehen, deren Nachruhm – so sie denn welchen erwarben – sich verflüchtigte und verging, so dass sie heute nur noch wenigen Eingeweihten ein Begriff sind. Ich nehme hierfür die Mitglieder eines auf die Niederlande zentrierten Kreises von Philologen und Orientalisten in den Fokus, der sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts formierte, deutlich vor dem Entstehen der formalisierten Asiengesellschaften des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Dabei beschränke ich mich auf diejenigen darunter, die zwischen 1700 und 1720 verstarben.

Mir geht es dabei darum, auszuloten, aus welchen Gründen uns manche erhalten bleiben und andere nicht; wann und wie diese aus dem kollektiven Wissen verschwinden, ohne damit den Vorgang als solchen normativ aufladen zu wollen. Ob zu „Recht“ oder „Unrecht“ vergessen, soll weniger interessieren als die Mechanismen dieser postumen Selektion und ihr Wandel über die longue durée bis in die heutige Zeit, bis hin zu dem Wissensbestand, aus dem heraus die Arbeit entstand, was einen direkten Einbezug des Betrachters erfordert und eine Modellierung dieser Selbstreferentialität in der Analyse.

Dafür sollen in einer historische Netzwerkanalyse über  das webbasierte Analyseprogramm NodeGoat die Kontakte, institutionellen und sozialen Positionen der Untersuchten erfasst, Selbstinszenierungsstrategien und Rezeption herausgearbeitet werden; die postumen Wirksamkeiten in der gelehrten und populären Rezeption nachgezeichnet, die Zitierkartelle der Toten aufgerollt werden: Wer erwähnte wen wann und warum? Oder nicht? Wie wurden Leistungen eingeschätzt, wann begann das Vergessen? Ließ es sich regional oder sektoral differenzieren, oder gar wieder revidieren? Was sagt das über die Selektion von Wissensbeständen für das kollektive Wissen aus?


1 Giulio Einaudi (Hg.), Luciano Bellosi/Aldo Rossi/Giovanni Previtali (Bearb.), Giorgio Vasari: Le vite de‘ piú eccellenti architetti, pittori, et scultori italiani, da cimabue insino a‘ tempi nostri. Nell’edizione per I tipi di Lorenzo Torrentino, [Firenze 1550] Turin 1986, S. 7.

Dr. Sebastian Hansen

Das Habilitationsvorhaben setzt bei dem grundlegenden Geschmacks- und Verhaltenswandel an, der sich seit dem späten 18. Jahrhundert beim Opern- und Konzertpublikum allmählich einstellte, und richtet sein Augenmerk auf das bürgerliche Konzertwesen, das in den nachfolgenden Jahrzehnten erheblich zur Durchsetzung eines neuen ästhetischen Paradigmas im Musikleben und damit verbunden zur Etablierung des stillen und konzentrierten Zuhörers beitrug. Durch die zum autonomen Kunstwerk ästhetisch aufgewertete Instrumentalmusik entwickelte sich das Konzert tendenziell zu einem bedeutsamen Ort der Bildung und der sichtbar werdenden bürgerlichen Gesellschaft. Es bot dem einzelnen Teilnehmer, ob ausführender Dilettant oder passiver Zuhörer, ganz im Sinne des damals vorherrschenden idealistischen Bildungsideals die Gelegenheit zur persönlichen Selbstkultivierung und darüber hinaus die Erfahrung einer ästhetisch repräsentativen Gemeinschaft. Der einzelne Bürger konnte hier die vereinende „Gemeinsamkeit als Kulturwesen“ (Manfred Hettling) erfahren. Insbesondere im Konzertbereich eröffnete sich privaten Anbietern und Vereinen eine Möglichkeit zur eigenen Musikgestaltung jenseits der höfisch bestimmten Musikkultur. Das Bürgertum nutzte dieses Potential zur Entwicklung und Etablierung eigener musikalischer Geschmacksvorstellungen und hierauf ausgerichteter Verhaltensweisen, die bei der Etablierung des Konzertwesens schließlich normativ wurden und über gesellschaftliche Zugehörigkeiten entschieden.

Die Studie nimmt die Veranstalter, Teilnehmer und Kritiker von Konzerten in den Blick, um vier eng miteinander verknüpfte Fragen zu beantworten: Wie vollzog sich dieser allgemein beobachtete Geschmacks- und Verhaltenswandel beim Publikum konkret? Warum wurde Musik zu einem überzeugenden Instrument der Disziplinierung? Welchen spezifischen Sinn schrieb man der Musik zu, der sie zu einer zentralen Deutungsmacht werden ließ, durch den sich ‚das‘ Bürgertum als spezifische Gemeinschaft in der Zeit zwischen den Umbrüchen der Jahrhundertwende und der Revolution von 1848 in Deutschland konstituierte? Wie ist diese bürgerliche Gesellschaft aus historischer Sicht zu definieren?